NEU IM KINO: «Aloys» – Wenn der Traum aussieht wie die Wirklichkeit

Zwei einsame Seelen auf traumwandlerischen Pfaden: «Aloys» des Schweizer Nachwuchsregisseurs Tobias Nölle.

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In seiner Fantasie sind die Kleider bunt: Aloys (Georg Friedrich) und Vera (Tilde von Overbeck). (Bild: PD)

In seiner Fantasie sind die Kleider bunt: Aloys (Georg Friedrich) und Vera (Tilde von Overbeck). (Bild: PD)

Aloys Adorn ist ein sonderbarer Typ. Er filmt alles mit seiner Videokamera – sogar seinen toten, aufgebahrten Vater – und lässt immer und überall kleine Dinge mitgehen – so das Kaugummipäckchen der Krematoriumsangestellten. Seinen Mitmenschen gegenüber ist Aloys kurz angebunden, um nicht zu sagen unwirsch. Er isst Reis vom Chinesen um die Ecke – mit Ketchup.

Woher seine Obsession fürs Filmen kommt, wird schnell klar. Alles potenzielles Beweismaterial. Aloys ist Detektiv von Beruf. Zusammen mit seinem Vater führte er das Büro Adorn & Sohn, Privatermittlung. Der Lack ist ab; die Einrichtung der gemeinsamen Wohnung in einer grauen Gegend weiss noch von der Nachkriegszeit zu berichten.

Thriller und Liebesgeschichte

Des Abends schaut sich Aloys das neue Filmmaterial an – es ist seine Verbindung zu den Menschen. Als seine Kameratasche entwendet wird und ihn eine unbekannte Frauenstimme zum «Telefonwandern» auffordert, wird der Beobachter plötzlich zum Beobachteten. Und der Film erst zum Thriller, dann zur traumartigen Liebesgeschichte.

Wie die Linie zwischen Beruflichem und Privatem, wird im Spielfilm «Aloys» des Zürchers Tobias Nölle (Episode in «Heimatland», Kurzfilm «René») auch die Grenze zwischen Wirklichkeit und Fantasie zunehmend verwischt. Aloys begibt sich mit der lebensmüden Nachbarin Vera, die sich als die Anruferin herausstellt, auf imaginäre Wanderschaft. Der Zuschauer kann zwischen den beiden Ebenen dank filmischer Mittel – Schnitt, Lokation der Figuren, Ausstattung und Kostüme – immer klar unterscheiden.

Der 49-jährige Georg Friedrich, zuletzt gesehen als Kleinganove in «Über-Ich und Du» von Benjamin Heisenberg überzeugt in jeder Rolle, so auch als eingeschüchterter Eigenbrötler, dem sich erst mit dem Tod des Vaters eine neue Welt auftut – sofern er sie denn in seine alte hineinlässt. Vorerst geschieht das nur in seiner Vorstellung – da sitzt er mit Capri-Sonne und Cervelat auf dem Waldsofa, mit Kopfhörern mit roten Schaumstoffkissen auf den Ohren.

«Man spürt jede falsche Note»

«Aloys» erzählt die Geschichte von zwei Menschen, verbunden durch ihre Einsamkeit und herausgefordert durch ihre Unterschiedlichkeit. Mit «Heimatland» habe sich jedoch eine Weiche gestellt, so der Regisseur. Er schreibt jetzt an einem neuen Film mit Plot: «Lyrische Filme zu machen, die sich in erster Linie über die Atmosphäre erzählen, ist so verdammt anstrengend. Wenn die Handlung nicht laut ist, spürt man jede falsche Note.» Fürs Kino ist das genau das Richtige.

Bewertung: 4 von 5 Sternen

Regina Grüter

Hinweis

«Aloys» feiert heute um 20.45 Uhr in Anwesenheit des Regisseurs Premiere im Kino Bourbaki, Luzern.