Neue Musik als Soundtrack zu ausgelassener Partystimmung

Die «New Music Days» der Musikhochschule Luzern brachen mit unbändigen Videoarbeiten lustvoll aus der Nische aus.

Urs Mattenberger
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Szene von den New Music Days im Neubad Luzern.

Szene von den New Music Days im Neubad Luzern.

Bild: Emilio Guim / PD (3. Juli 2020)

Die Farben tanzen und pulsieren wie in den Clubs, die gegenwärtig in den Tagesschauen als Corona-Hotspots vorgeführt werden. Rottöne wuchern und kippen um in eiskaltes Blau, dann flammen sie umso schauriger wieder auf und bringen den Seitenraum im grossen Poolraum des Neubads wie einen Hochofen zum Glühen. Wenn sich knäuelartige rote Bündel pandemisch über die Wände hin ausbreiten, drängt sich einem die Corona-Assoziation auf.

Vorgeführt wurde die Video-Arbeit «Colorama» zum Auftakt der New Music Days, die vom Donnerstag bis Sonntag Arbeiten des Studiengangs Contemporary Music präsentierten. Die «Open Vid»-Veranstaltung mit Gemeinschaftsarbeiten von Studenten der Kunst- und Musikhochschulen hatte aber auch ungewollte Bezüge zu Corona. Vor dem Nebenraum mussten sich die zahlreichen Besucher drängeln, um einen Blick auf die elektronisch schwirrenden Skalen- und Farbverläufe zu erhaschen.

Bei Ansteckung «fahren alle nicht in die Ferien»

Studienleiter Erik Borgir musste danach alle zur Einhaltung von Abständen mahnen. Er verwies auf den Corona-Fall im Neubad (wir berichteten) und mahnte, «dass wir alle nicht in die Ferien» fahren würden, wenn es zu einer Ansteckung käme. Das wirkte. Bei den Vorführungen im Pool, rückten die Besucher, darunter viele Studienkollegen, merklich auseinander, auch wenn die empfohlenen Schutzmasken kaum getragen wurden.

Das Schöne war, dass die Partystimmung danach trotzdem anhielt. Das lag auch an den weiteren Video-Arbeiten, die über Grossleinwand und Pool-Wände flimmerten und bestätigten: Der Einbezug von Bildern ist ein attraktiver Türöffner für zeitgenössische Musik. Allen Arbeiten gemeinsam war, dass sie neueste technische Möglichkeiten spielerisch und lustvoll nutzten. In «Organic Growth» vollzog sich eine Art Rückeroberung des Neubads durch planzenartig Licht- und Farbverläufe, eingespannt zwischen gläserne Flötenklänge und mystische Perkussion. «The Golden Ratio» nutzt die Instrumenten, um strenge grafische Muster in einen unbändigen Bilderfluss zu überführen.

Spektakulärer Höhepunkt war die Arbeit «Toxic Fluidity». Anna Michel, Stefanie Meer und Christoph Schmidt (Visuals) tauchten zu einer Komposition von Jeannine Läuffer optisch den Neubad-Pool unter Wasser: Wenn sich Flecken auf dem Boden zu pfützenähnlichem Gebräu ausbreiteten, konnte man auch das als Corona-Sinnbild sehen. Auch musikalisch hatte die mitunter apokalyptische Soundkulisse handfeste Dramatik.

Es war nicht nur publikumsmässig der stärkste Abend der New Music Days. Der Fluxus-­Akzent am Freitag zum Thema Musik und Humor konnte nicht mithalten. Die vielen Varianten der Spielverweigerung wirkten da harmloser als wohl einst die Vorbilder etwa von John Cage.

Die stärksten Eindrücke hinterliessen ganz traditionell vorgetragene Stücke von Satie bis Georges Asperghis und John Zorn. Die Sängerin Antonella Chionna etwa entwickelte vom schlürfenden Gähnton bis hin zu opernhaften Stimmsalven ein Lauttheater, das bewies, wie ausdrucks- und bildstark neue Musik auch ohne Bilder sein kann.