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NEUE MUSIK: Erik Satie – Ein Experimentator zwischen Kirche und Cabaret

Vor 150 Jahren wurde Erik Satie geboren. Wie aktuell seine von Witz und Alltag geprägten Werke geblieben sind, bestätigte kürzlich seine Möblierung des Neubads.
Eigenwilliger Mensch, eigenwillige Musik: Erik Satie. (Bild: Getty)

Eigenwilliger Mensch, eigenwillige Musik: Erik Satie. (Bild: Getty)

Als die Musikhochschule Luzern im April mit ihrem Festival «Wege der Wahrnehmung» das Zeitgefühl unter die Lupe nahm, wurde das Luzerner Neubad auch klanglich entschleunigt und «möbliert». Im Restaurant spielten zehn Pianisten abwechselnd die vorgeschriebenen 840 Wiederholungen der hinterhältig simplen Melodie der «Vexations» von Erik Satie.

Eigenwillig als Musiker wie privat

Mit ihrer Dauer von über zehn Stunden sind sie nicht nur ein Beispiel für die Idee einer bewusst bescheidenen «Musique d’ameublement», die Erik Satie Anfang des letzten Jahrhunderts dem aufgeplusterten Fin-de-Siecle-Pathos entgegenhielt. Die «Vexations» wurden darüber hinaus zu einer Ikone musikalischer Konzeptkunst, die bis heute Modellcharakter behält. Kein Wunder, wirkten am Festival manch neuere Werke wie Ableger von Saties Endlosschlaufe.

So eigenwillig wie seine Musik war Satie auch als Privatperson, wie seine Beziehung zur Malerin Suzanne Valadon zeigt. Die Freundin der berühmtesten Künstler der Zeit – von Toulouse-Lau­trec, Renoir, Degas – pflegte zu ihrem Ateliernachbarn Erik Satie ein liebevolles Verhältnis: Sie malt ihn, er schickt ihr musikalische Grüsse. Doch ihre Beziehung zerbricht. Auf die Frage seiner Schwägerin, warum er nicht heirate, antwortet Satie trocken: «Ich bin ein Mann, den Frauen nicht verstehen.»

So bleibt er denn auf Distanz zu den Menschen, obwohl er in Komponistenkreisen angesehen ist. Aber auch: so eigen, dass seine Werke erst spät Anerkennung finden – und noch immer Herausforderungen darstellen. «Er war eher ein Neuerer und ein Pionier – wenn nicht gar ein Extremist – als ein Komponist unvergänglicher Meisterwerke», sagt Maurice Ravel über ihn. Und: «Satie besass eine ungewöhnlich lebhafte Intelligenz – die eines Erfinders par excellence. Er war ein grosser Experimentator.»

«Dieser Mann besass nichts»

Vor fast 150 Jahren, am 17. Mai 1866, kommt dieser grosse Experimentator in Honfleur in der Normandie zur Welt, 1925 stirbt er in Arcueil bei Paris, wo er abseits der anderen gelebt hat. Nach dem Tod bittet sein Bruder den Komponistenkollegen Darius Milhaud, Erik Saties viele Werke zu sichten.

Milhaud ist entsetzt über die Armut, in der Satie gelebt – und von der er nichts gesagt hat. «Dieser Mann, der in seinem tadellosen sauberen und korrekten Anzug eher wie das Modell eines Beamten aussah, besass also absolut nichts.» Neben dem Totenbett liegt einzig ein Band mit Andersens Märchen.

Erik Satie wächst auf in Honfleur in der Normandie. Prägende Figur ist nach dem frühen Tod der Mutter der Onkel Adrien, das «schwarze Schaf» der Familie, der ein reich geschmücktes Auto hat, das er selten benützt, und der seinen Neffen in die Vorstellungen reisender Schauspielertruppen mitnimmt und nachher auch noch hinter die Bühne.

Ein Spezialist für Skandale

Hier wird wohl jene Fantasie geweckt, die ihn schon bald seine eigenen Wege gehen lässt. Zuerst will er Pianist werden, erweist sich aber als sehr mittelmässiger Schüler. Er entdeckt die Kirchenmusik, sie fasziniert ihn, auch weil sie so sehr im Kontrast steht zum Wagner-Kult der Zeit. «Alle grossen Künstler sind Amateure», sagt Erik Satie und gibt am Ende seines Lebens jungen Musikern den bitteren Rat: «Marschiert allein! Macht das Gegenteil von dem, was ich mache! Hört auf niemanden!»

Genau das tut er, und er erschafft dabei einen ganz eigenen musikalischen Kosmos, der einen seltsamen Sog erzeugt mit seiner Langsamkeit und seinem starken Hang zur Wiederholung, mit der Verbindung von Alltagsgeräuschen und Musik, mit der Verknüpfung witziger Texte mit Noten und Zeichnungen. Satie liebt das Cabaret und die Kirche, beides gibt seinen Stücken ihren besonderen Klang.

Er schreibt Stücke für Hunde, erschafft seltsame Meerestiere und Spielanweisungen: «Wie eine Nachtigall mit Zahnschmerzen», schreibt er vor eine Kadenz im Stück «DHolothurie» – «Von der Meeresgurke». Auch seine bissige Kritik an den Musikkritikern verpackt er in Texte und musikalische Anspielungen. Die nämlich sind ebenso entsetzt wie das Publikum. Erik Satie ist auch ein Spezialist für Skandale.

Aber sein Werk erweist sich als erstaunlich zukunftstauglich. Wer sich ein Bild machen will, dem sei die bei Erato erschienene Box «The Sound Of Erik Satie» ans Herz gelegt. Zwei CDs enthalten Klavierstücke, die dritte Orchester- und Chorwerke.

Rolf App

«The Sound Of Erik Satie» (3 CDs, Erato)

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