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Neue Rubrik «Im Auge der Literaten»: Schriftsteller Thomas Meyer dankt dem Coronavirus

Schweizer Schriftstellerinnen und Schriftsteller schreiben über die Krise. Heute: Thomas Meyer.

Thomas Meyer
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Der Zürcher ­Schriftsteller ­Thomas Meyer hofft, Corona lehre uns den demütigen Umgang mit der Natur.

Der Zürcher ­Schriftsteller ­Thomas Meyer hofft, Corona lehre uns den demütigen Umgang mit der Natur.

Bild: Boris Bürgisser

Ich habe nun so einiges gehört über das Virus und wie damit umzu­gehen sei. Den behördlichen Anweisungen wird aus verschiedenen Gründen widersprochen: Die einen finden, der Lockdown sei völlig übertrieben, da Covid-19 überhaupt nicht gefährlich sei, sondern harmloser als die saiso­nale Grippe. Die anderen finden, der Lockdown sei per se die falsche Massnahme, da das Volk, wenn es zu Hause bleibe, keine Immunität gegen Covid-19 entwickeln könne; es wäre besser gewesen, alle zu durchseuchen. Nebst den selbsternannten Virologen melden sich auch die Chauvinisten: Kein Wunder, habe Italien so viele Tote, bei dem maroden Gesundheitssystem. Und natürlich die Spinner: Covid-19 sei gar kein Virus, sondern ein in einem Labor hergestellter Kampfstoff. Die junge Schweizerin Christina von Dreien, das sogenannte Esoterik-Wunderkind, hat eine interessante Erklärung: ­«Diejenigen Menschen, die auf der Erde das Sagen haben, die Fäden ziehen und diese Macht nicht abgeben möchten, haben das Virus in die Welt gesetzt, um ihre Pläne weiter zu verwirklichen.» Solche Formulierungen sind bestens bekannt, und welche Menschen hier genau gemeint sind, liegt auf der Hand.

Ob die Situation, die sich aus der Pandemie ergeben hat, in wissenschaftlichem Sinn begründet ist oder nicht, spielt in meinen Augen jedoch keine Rolle. Ich bin sehr froh um Covid-19. Ich bin ihm geradezu dankbar. Es hat unsere Lebensweise ausgebremst, uns auf uns selbst zurückgeworfen und damit einen schockierenden Kontrast erschaffen: Vorher waren wir ständig unterwegs, hatten enorm wichtige Dinge zu tun, konsumierten pausenlos und hatten so gut wie keine Zeit für unsere Partner, unsere Kinder und schon gar nicht für uns selbst. Wir beuteten die Natur nicht nur aus, sondern betrieben Raubmord an ihr und kamen uns dabei auch noch gut vor. Wir hatten jegliches Mass dafür verloren, was sinnvoll ist und richtig. Wir waren pervers. Schon unsere Urgrossväter waren es.

Nun, da die Fluglinien ihren Betrieb um 95 Prozent reduziert haben, da der Tourismus zum Erliegen gekommen ist, da viele Fabriken, Läden und Restaurants geschlossen sind, da der Natur also nach jahrhundertelanger, immer schlimmerer Überbelastung eine Pause verschafft worden ist, er­kennen wir, dass die enthemmte Form des Kapitalismus, der alles und alle dem Geld unterwirft, vielleicht doch nicht das brillan­teste aller Konzepte ist. Und dass es vielleicht doch nicht so klug war, am Gesundheitssystem herum­zusparen und den Staat immer weiter zu verschlanken. Und dass Profit zwar eine tolle Sache ist, aber seine schamlose Maximierung nicht, weil er enormen Schaden anrichtet. An der Natur. An den Tieren. An der Gesellschaft. Am Einzelnen. An allem. Gewiss, der wirtschaftliche Schaden ist enorm und wird noch viel grösser aus­fallen. Und ja, wenn die Menschen den einen nun plötzlich so nah sind und den anderen so fern, wird das auch soziale Probleme geben. Aber das ist der Preis, den wir nun bezahlen müssen. So, wie es lief, und wie wir geglaubt hatten, es müsse und könne immer weiter­gehen, konnte es nicht weitergehen. Wir hätten noch lange darüber diskutiert, wie schädlich CO2 nun wirklich sei, wären uns nie einig geworden darüber und hätten weiterhin pro Sekunde 1300 Tonnen davon in die Atmosphäre geblasen. Geändert hätten wir nie etwas. Wenigstens darüber sollten wir uns einig sein.

Nun wurde uns das Heft aus der Hand genommen, von einem Virus, und es ist völlig unerheblich, ob es harmlos ist wie eine Er­kältung oder übel wie die Pest: Es hat uns so sehr verunsichert, dass wir klein und still geworden sind. Es hat dafür gesorgt, dass wir Ehrfurcht vor der Schöpfung empfinden. Das kannten wir ja gar nicht mehr; die Natur war für uns ein weiteres Konsumgut. Wir haben Angst vor der Zukunft, wir haben Angst um unseren Job, um unseren Wohlstand, aber das ist nicht, was wir fürchten. In Wahrheit fürchten wir die Grösse und Gewalt der Natur, die uns in diesen Tagen aufs Herrlichste zeigt, wer der Boss ist und wie verletzlich wir sind. Im Frühling 2020, werden wir später sagen, haben wir Verletz­lichkeit und Demut gelernt. Und wenn wir jetzt wirklich schlau sind, wirklich einsehen, dass wir uns die Erde niemals untertan machen dürfen, werden wir daraus die richtigen Lehren ziehen. Und dann werden wir sagen: Danke, ­Coronavirus. Danke, dass du im richtigen Moment zu uns ge­kommen bist. Nämlich im aller­letzten.

Thomas Meyers aktueller Roman «Wolkenbruchs waghalsiges Stelldichein mit der Spionin» ist im Diogenes Verlag erschienen.