Neuer Bigband-Sound aus der Schweiz

Die Jazzerin Sarah Chaksad wurde im Kanton Luzern geboren. Mit 36 Jahren hat die erfolgreiche Komponistin ihren ersten Auftritt in der Heimat.

Roman Kühne
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Sarah Chaksad gilt als Aushängeschild der Schweizer Bigbandszene.

Sarah Chaksad gilt als Aushängeschild der Schweizer Bigbandszene.

Bild: Laura Pfeifer

Bescheiden sitzt sie inmitten ihrer Grossformation. Das Altsaxofon eingebettet in die anderen Bläser. Hier ein kleines Nicken, dort ein Augenzwinkern. Einen Moment lang steht sie auf, ihre Hand geht nach rechts. Zeit für den nächsten Tutti-Einsatz.

Die Saxofonistin Sarah Chaksad fällt an diesem Abend nicht besonders auf beim Auftritt im Casineum Luzern. Sie ist eine von vielen in der Bläsergruppe. Und trotzdem sind alle Augen auf sie gerichtet. Denn was hier ihr Sarah Chaksad Orchestra spielt, ist frisch, teils überraschend und immer emotional. Sämtliche Stücke sind Eigenkompositionen der 36-jährigen Musikerin – eigenständig und mit einer klaren Klangsprache.

Dicht und vielgestaltig

Da ist zum Beispiel das Stück «Mehamn». Es ist die Vertonung einer eisigen Reise in den hohen Norden Norwegens. Noch nie hätte sie «so viele verschiedene Blautöne gesehen», erzählt die Komponistin. Das Flügelhorn streut die ersten Nebel. Mystisch und weit. Bass, Schlagzeug und Piano steigen ein; eine Mischung aus Rhythmus und sphärischem Stillstand. Wie eine vorwärtsdrängende Eisenbahn in der stehenden Weite einer Schneelandschaft. Zwei Bassklarinetten, das Sopransaxofon und eine Singstimme mischen sich ein, bringen Schattierungen von Blau ins Geschehen. Immer mehr blüht das Orchester. Schicht um Schicht wird aufgetragen. Eine typische Sarah-Chaksad-Komposition, dicht und vielgestaltig.

Sie selbst ist in einem klassischen Umfeld aufgewachsen. Ihre Mutter war Musikerin. Diese Wurzeln sind auch in ihren Kompositionen spürbar. Nicht, dass es klassisch tönt. Diese Welt hat sie längst verlassen. Aber sie komponiert vieles aus. Die Bläsersätze sind enge Klangballungen: opulent und teils fast süsslich. Beinahe unmerklich verschiebt sie die Akkorde in ihren Verschachtelungen. Konstant wechseln die Farben. Es ist ein ganz eigenes Parfum, das sich hier entfaltet. Vertraut und doch ganz anders, dicht und satt. Es sind wahre Klangkunstwerke, die hier entstehen, sich immer mehr in die Höhe türmen.

Schalk und Experimente

Kein Wunder gilt Chaksad als Aushängeschild der Schweizer Bigband-Szene. Auch international wird sie immer stärker wahrgenommen. Dem Auftritt in ­Luzern ging eine Tournee in Deutschland voraus. Den Erfolg verdankt sie auch ihrer Vielseitigkeit. Immer wieder unterbrechen leichtere Momente den ­dicken Bigband-Sound. Die Sängerin Julie Fahrer setzt kleine Tontupfer. Der Klarinettist ­Peppe Auer spielt in «The Flower» auf seinem Bassinstrument einen Klappentanz. Solche Momente klingen frisch, teils intim, teils luftig. Chaksad ist eine Flüsterin des Klanges. Immer wieder scheinen neue Stränge auf. In «Dreamcatcher» verbinden sich zum Beispiel das Sopransaxofon und das Flügelhorn zu einer ganz eigenen Mischung. Die Posaunen streuen Schattierungen ein. Dabei bleibt das Gespielte immer hörbar, ja melodiös.

Chaksad ist keine selbstverliebte Experimentatorin. Die Musik folgt stets einer erzählerischen Linie. Dabei zeigt sie auch Ironie und Witz. Die Ballade «It’s too late» ritzt absichtlich am Pop, schrammt nahe der Anbiederung vorbei. Das Stück «Thankful», eine Hommage an ihre «klassische» Mutter, sucht die Balance zwischen plakativen Kitsch-Akkorden und Innovation. Die wirbelnde Schlagzeugerin Eva Klesse durchdringt mit Spass und Schalk die heile Mutter-Welt, lässt so humorvoll die beiden Sphären aufeinandertreffen. Es ist ein anregender und interessanter Abend. Wer nicht an diesem tollen Konzert war: Es gibt die neue CD «Tabriz», ein intensives Erlebnis und ein Meilenstein in der Karriere der jungen Jazz-Komponistin Sarah Chaksad.

CD-Tipp: Sarah Chaksad Orchestra: «Tabriz» (Neuklang Records)