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Neuer Comic über die Wannseekonferenz von 1942 setzt auf Dokumentarstil statt Verfremdung

Im Knesbeck Verlag erscheint ein Comic über die Wannseekonferenz, an der hohe Regierungsbeamte und SS-Behörden die Vernichtung der Juden planten.
Oliver Seifert
Wannsee Seite 18. Bild: zvgWannsee Seite 18. Bild: zvg
Wannsee Seite 64. Bild: zvgWannsee Seite 64. Bild: zvg
2 Bilder

Kultur 14.9.19

Die Lage: mondän, die Kulisse: eindrucksvoll, der Wein: exquisit, die Speisen: üppig, die Zimmer: herausgeputzt. Nur kalt ist es an diesem 20. Januar 1942. In der Villa am Berliner Wannsee ist alles bereit für die Besprechung. Während ein Grossteil der geladenen Gäste bereits angeregt plaudert, schneit der Konferenzleiter gerade noch rechtzeitig herein. Er kommt mit dem Flugzeug aus Prag.

Was an der auserwählten Männerrunde irritiert, sind anfangs vielleicht die Uniformen, dann die Inhalte der lockeren Gespräche, die vor derben Scherzen nicht haltmachen. Als die «Endlösung der Judenfrage» ins Spiel kommt, beiläufig anfangs, ist klar, dass dieses Treffen eine fatale Dimension besitzt. Es gilt absolute Verschwiegenheit.Die Konferenz hat niemals stattgefunden.Die Bänder des Stenografen sowie die Sitzungsprotokolle sind zu vernichten.

Der Grund: Fünfzehn hochrangige Nationalsozialisten, darunter SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich, SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann, und Rudolf Freisler, Staatssekretär im Reichsjustizministerium, später Präsident des Volksgerichtshofs, besprechen die Organisation und Koordination des Genozids an den Juden. Anderthalb Stunden. Mehr Zeit ist nicht für elf Millionen Menschen und deren industrielle Vernichtung. Ein mörderisches Kammerspiel mit peniblen Technokraten als Hauptdarstellern, die sich an ihrem logistischen Meisterstück versuchen. Auf die sogenannte Wannseekonferenz folgen zwei weitere Konferenzen im März und Oktober über offengebliebene Fragen. Was Adolf Hitler in seiner Reichstagsrede 1939 ankündigte, «die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa», wird eifrig und führerhörig koordiniert.

Statt auf Verfremdung setzt der Comic auf Dokumentarstil

Der französische Comiczeichner und -autor Fabrice Le Hénanff schaut bei seiner «Wannsee»-Version genau hin in detaillierten Darstellungen und matten, dunklen Farben. Seine Protagonisten tragen fast freundliche, sympathische Gesichtszüge. Es sind erschreckend harmlos wirkende, rotbackige Massenmörder, die bei ihrem beispiellosen verbrecherischen Grossprojekt bürokratisch sachlich darüber befinden, wer alles Jude ist, wer davon zum Arbeitsdienst taugt, welche zahlenmässigen Erfolge neue Tötungsmethoden (Vergasung) bringen und wo zuerst «aufgeräumt» und «gesäubert» werden soll.

Stellt etwa der New Yorker Art Spiegelman in seinem «Maus»-Comic die Opfer ins Zentrum (seinen Vater), so wagt sich Le Hénanff an die Perspektive der Täter. Der Holocaust ist bei ihm, Anfang 1942, noch megalomaner Plan, die Leichenberge vom Massaker in Babi Jar einige Monate zuvor mit mehr als 30 000 Erschossenen sind Vorboten und Gegenstand einer Besprechungspause.

Statt auf maximale Verfremdung setzt der«Wannsee»-Comic auf einen dokumentarischen Stil, der düster koloriert eine apokalyptische Stimmung erzeugt. Wie auf alten Fotos wechselt die Qualität der Abbildungen, mal klar, mal unscharf, schemenhaft und verblasst. Der ungenaue Blick auf eine nicht bis ins letzte Detail rekonstruierbare Veranstaltung (nur ein originales Besprechungsprotokoll ist erhalten) wird durch gelblich-grünstichiges, fleckiges Aquarellieren und flächiges, vertikales Schraffieren erzeugt. Im trüben Licht sind so schablonenhafte, kaum unterscheidbare, austauschbare Nazi-Granden zu sehen.

Im ästhetischen Bezug auf den Film «Conspiracy» von 2001 (auf Deutsch «Die Wannseekonferenz»), im Nachwort hingewiesen, als Quelle angegeben, wird allerdings auch inhaltlich eine kritische Haltung des Konferenzteilnehmers Friedrich Wilhelm Kritzinger übernommen, die bis heute unbelegt bleibt. Wie im Film sind auch im Comic die Dialoge rekonstruiert, es gibt keine Dokumente über die Aussagen der Schreibtischtäter. Manch aufgegriffener Sachverhalt des Treffens bleibt Spekulation.

Fünf Millionen Juden kostete der Holocaust das Leben. Was aus den fünfzehn Nazis wurde, zeigen die Kurzbiografien am Ende des Comics. Als Kriegsverbrecher wurden drei hingerichtet. Wegen der Teilnahme an der Wannseekonferenz kam es zu keiner Verurteilung.

Buchtipp

Fabrice Le Hénanff:
Wannsee
Knesebeck Verlag
2019
88 Seiten

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