Neuer Dokfilm zu Carl Spitteler: Wie der Umgang mit dem Schriftsteller gelingt – oder auch nicht

Der Dokfilm «Spitteler Reloaded» zeigt Leben und Werk des Schriftstellers, aber auch moderne Annäherungen.

Arno Renggli
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Luzern um 1920: Carl Spitteler besucht den Markt. Auch hier geniesst er einen Prominentenstatus.

Luzern um 1920: Carl Spitteler besucht den Markt. Auch hier geniesst er einen Prominentenstatus.

Bild: Aus dem Film «Spitteler Reloaded»

Was hat man 2019 – 100 Jahre nach der Vergabe des Literaturnobelpreises an Carl Spitteler – nicht alles gehört oder gelesen über den Schriftsteller, der die letzten 30 Jahre seines Lebens in Luzern verbracht hat.

Der erste ausführliche Dokfilm über Spitteler, der am Sonntag ins Kino Bourbaki kommt, bietet nochmals biografische, gesellschaftliche und literarische Aspekte. Nicht fehlen darf Peter von Matt, der sich auch in unserer Zeitung zu Spitteler geäussert hat. Er räumt ein, dass die Spitteler-Texte nicht leicht zugänglich seien, dann aber mit Qualität, Witz und Frechheit überzeugten. Spitteler sei, obwohl gesellschaftlich etabliert, auch ein Rebell gewesen.

Epos mit «Potenzial für eine Netflix-Serie»

Dessen Luzern-Bezug erhält im Film des Luzerners Jörg Huwyler einigen Raum. So beispielsweise seine vielseitigen Interessen für die Natur, die Dampfschifftechnik, fürs Kino, wo er ein häufiger Gast war, genauso wie am Markt, im Kursaal oder als Flaneur am Quai. Es gibt auch einige eher unbekannte Details. Wie etwa, dass Spitteler nach seinem Tod 1924 der allererste «Kunde» im damals neuen Luzerner Krematorium war.

Die literarische Würdigung umfasst Romane wie «Xaver Zgilgen» oder «Imago», was durchaus Leselust auslöst. Und natürlich das Epos «Olympischer Frühling» mit seinen 20000 Versen, das ihm dann den Nobelpreis eintrug. Schauspieler Walter Sigi Arnold, der das Werk als Mehrteiler vorgetragen hat, sieht darin punkto Handlungsstränge und Personal sogar Potenzial für eine Netflix-Serie.

Solche moderne Aspekte machen den Film ebenfalls aus. Es geht um Möglichkeiten, sich dem Werk Spittelers anzunähern. Naheliegend und in der Umsetzung gelungen wirkt etwa, wenn sich eine junge angehende Schriftstellerin anhand von Spittelers Reiseberichten über den Gotthard selber aufmacht und davon inspiriert eigene Texte erstellt. Oder wenn Studierende der Fachklasse Grafik an der Hochschule Luzern – Design und Kunst einen Spitteler-Roman visuell umsetzen. Und aktuelle Bezüge wie Machtmissbrauch oder Rassismus umsetzen, wie Dozent Amadeus Waltenspühl sagt.

Rapper müht sich mit Versen ab

Dass solcherlei nicht immer zwingend gelingt, erahnt man am Beispiel des Basler Rappers Black Tiger. Der müht sich wohl als bezahlte Auftragsarbeit an Spittelers Versen ab, ohne dass sich wirklicher Sinn aus seinem Tun erschliesst. Wenn er diese Verse dann als kaum verständliche Rap-Texte einem Konzertpublikum vorträgt, wird diesem Spitteler kaum nähergebracht. Da überzeugen eher von Spitteler inspirierte Texte von Slampoeten, dargebracht an einem internationalen Wettbewerb im Sommer in Augusta Raurica.

Eine Prognose, ob Spitteler, Jahrzehnte etwas in der Versenkung und dann gehypt im Jubiläumsjahr, nun nachhaltig neu entdeckt wird, wagt auch im Film niemand. Aber man darf gespannt darauf sein.

Hinweis: «Spitteler Reloaded» (51 Minuten) im Kino Bourbaki Luzern, Premiere am Sonntag, 19. Januar, 11 Uhr. Unter anderem mit Regisseur Jörg Huwyler und Slampoet Manuel Diener.

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