Neuer Dokumentarfilm: Der Blick eines Träumers auf die ihm fremde Heimat

Wie alle Filme Patricio Guzmáns handelt auch sein neuester von der Suche nach Chiles verlorener Geschichte. Dennoch, oder gerade deshalb, ist «La cordillera de los sueños» ein Dokumentarfilm von grosser Aktualität.

Geri Krebs
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Zwei Welten stehen sich fremd gegenüber: Chiles Hauptstadt Santiago und die Anden.

Zwei Welten stehen sich fremd gegenüber: Chiles Hauptstadt Santiago und die Anden.

PD/trigon-film.org

Am Anfang stehen Kamerafahrten über verschneite Bergketten. Einen Moment sieht man am Fuss des Gebirges eine Grossstadt, die gleich wieder in Nebelschwaden verschwindet. Es ist Chiles Hauptstadt Santiago, und man hört jetzt Patricio Guzmáns sonore Stimme. Jedes Mal, wenn er zurückkomme, fühle er sich wie ein Ausserirdischer. Die Stadt, in der gelebt habe, erkenne er nicht wieder.

Wie künstlich sie ihm vorkommt, zeigt er daraufhin, als erneut Bilder der verschneiten Berge erscheinen. Doch dieses Mal sind es kolossale, realistische Gemälde an einer Metrostation, gemalt von einem Freund Guzmáns – und der bemerkt: Viele Hauptstädter würden die Berge nur von der Metrostation her kennen.

Letzter Teil einer Trilogie

Assoziationen dieser Art durchziehen den ganzen Film – und man staunt über das Geschick, mit dem Guzmán immer neue Bezüge zu Chiles jüngerer Vergangenheit herstellt. Was er eindrücklich bereits in den letzten beiden Filmen bewies, «Nostalgia de la luz» (Heimweh nach dem Licht, 2010) und «El boton de nácar» (Der Perlmuttknopf, 2015), den ersten zwei Teilen einer Trilogie, die nun mit «La cordillera de los sueños» (Die Cordillere der Träume) ihren Abschluss findet. Waren es dort die Wüste und das Weltall – und das Wasser und Chiles Urbevölkerung, so sind es nun die Berge und Chiles verlorenes Gedächtnis. Das unzugängliche Gebirge der Anden bedeckt den Grossteil des über 4000 Kilometer langen Landes und es sei den meisten Menschen in Chile ähnlich fremd wie ihre Geschichte, so Guzmán.

Der 1941 geborene Regisseur war 1973, beim Militärputsch, verhaftet und wie Zehntausende andere auch in ein Fussballstadion gesperrt worden. Doch im Gegensatz zu so vielen anderen kam er mit viel Glück wieder frei, ging ins Exil, nach Paris, wo er heute noch lebt. Seither ist ihm die traumatische Geschichte Chiles zur Obsession geworden.

Bei jedem Meteoriten ein Wunsch

46 Jahre sind vergangen, seit Patricio Guzmán sein Land verlassen musste, zwanzig Filme hat er seither realisiert – über Chile. Er habe sich daran gewöhnt, Filme aus der Distanz heraus zu machen, doch stets habe er sich dabei isoliert und einsam gefühlt. Er würde gern wieder den Rauch aus dem Kamin seines zerstörten Hauses riechen. Zu diesen Worten gibt die Kamera den Blick frei auf eine Haus­ruine, steigt höher, fährt erneut über die Berge.

Und kurz darauf ist der Film da, wo der erste Teil der Trilogie ­begonnen hat: Im Weltall und dem, was von dort bisweilen auf die Erde fällt: Meteoriten. Als Kind habe ihm seine Mutter gesagt, wenn nachts ein Meteorit herunterfalle, könne man sich etwas wünschen. Nie habe er damals einen Wunsch geäussert, jetzt tue er es.

Was er möchte, sei, dass Chile dereinst wieder seine Kindheit und seine Freude wiedergewinne. Es bleibt angesichts der heutigen Realität mit seinen mit brutaler Gewalt niedergeschlagenen Massenprotesten ein frommer Wunsch.

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