NEUER ROMAN: Alle wollen den rosa Elefanten

Martin Suters neuer Roman heisst «Elefant» und handelt tatsächlich von einem solchen. Allerdings von einem ganz besonderen Exemplar, was rasante Verwicklungen hergibt. Und für Suter auch eine Botschaft.

Arno Renggli
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Martin Suter (68) erzählt mit grosser Leichtigkeit. (Bild: Maurice Haas/PD)

Martin Suter (68) erzählt mit grosser Leichtigkeit. (Bild: Maurice Haas/PD)

Arno Renggli

arno.renggli@luzernerzeitung.ch

Eines muss man Martin Suter lassen: Wenn er nicht gerade seine dünne Krimireihe um den Kunstexperten Allmen fortsetzt (die übrigens dieses Frühjahr auch als TV-Reihe ausgestrahlt wird), findet er für seine richtigen Romane immer wieder ein neues und oft auch überraschendes Thema.

Diesmal geht es um Dickhäuter. Genauer gesagt, um einen kleinen, rosa leuchtenden Elefanten – Resultat eines gentechnischen Experiments, das viel Geld bringen soll. Darauf hoffen jedenfalls ein dubioser Gentechunternehmer und seine Partner. In einem maroden Zirkusunternehmen soll eine Elefantenkuh das Wundertier zur Welt bringen.

Doch der dortige burmesische Pfleger sowie der zuständige Tierarzt entführen es nach der Geburt und geben vor, dass das Experiment misslungen sei. Als man den beiden auf die Schliche kommt und sie jagt, geht der kleine Elefant verloren. Und taucht im Unterschlupf des Obdach­losen und Säufers Schoch wieder auf. Dieser wird zur eigentlichen Hauptfigur. Zusammen mit einer Tierärztin will er den kleinen Elefanten beschützen. Und natürlich geraten die beiden selber ins Visier der eigentlichen «Besitzer».

Spannungsbogen trotz starker Verstückelung

Was hier linear zusammengefasst ist, erzählt Martin Suter in kurzen Kapiteln mit wechselnden Protagonisten und vielen Zeitsprüngen nach vorne und auch gleich wieder zurück. Das funktioniert gut, lässt einen gewisse Dinge vorausahnen oder gar wissen, ohne dass die Dramaturgie negativ betroffen wäre. So ergibt sich trotz der Verstückelung des Textes ein Spannungsbogen bis zum Schluss.

Wie erwähnt, ist die Themenwahl überraschend. Und Suter nutzt den Elefanten nicht nur als Vehikel für eine unterhaltsame Geschichte. Vielmehr hat er sich ziemlich in das Thema eingearbeitet, erzählt viele Details über diese Tierart, ihr Verhalten, ihre Lebensweise gerade in Gefangenschaft, ihre Zucht.

Ebenfalls interessiert ihn die Gentechnologie, zu der er offenkundig auch eine Meinung hat. Zwar verzichtet er auf einseitige Verteufelungen, lässt aber doch durchblicken, dass er hinter den Machbarkeitswahn der heutigen Zeit ein grosses Fragezeichen setzt. Die Ambivalenz, dass der rosa Elefant, der eine fast spirituelle Bedeutung bekommt, nur dank der Gentechnologie überhaupt existiert, lässt Suter zu. Er selber sagte zur Frage, ob der Mensch in die Natur eingreifen solle: «Ich weiss keine schlüssige Antwort darauf. In der Gentechnologie stecken fantastische Möglichkeiten und riesige Gefahren. Ich glaube nicht, dass das kontrollierbar ist. Doch die Erfahrung zeigt: Was machbar ist, wird gemacht.»

Obdachlosenszene ohne allzu harte Details

Schliesslich bietet Suter auch Einblicke in die Obdachlosenszene von Zürich. Das berührt, auch wenn man den Eindruck einer gewissen Verklärung dieser Lebensweise nicht ganz loswird. Jedenfalls verzichtet Suter auf harte Details, die es zwangsläufig auch geben würde. Vielmehr zeigt er, dass diese Lebensweise nicht zwingend das totale Elend sein muss, teilweise und zumindest anfänglich selbst gewählt ist und nicht ohne gewisse soziale Strukturen und Bindungen auskommen muss.

Schoch etwa, einst ein erfolgreicher Banker, lebt sein Leben durchaus bewusst, nicht einfach ziellos, mit einer klaren Tagesstruktur. Dennoch wird die zurückhaltend erzählte Lovestory mit der Tierärztin für ihn zur Motivation für den Versuch, den Alkohol zu überwinden und in ein annähernd normales Leben zurückzukehren. Dies alles erzählt Martin Suter mit seiner bekannten Leichtigkeit, in einer Sprache, die nie aufgesetzt wirkt, mit elegant verknappten Dialogen und wie immer mit einigem Humor.