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NEUER ROMAN: McEwan macht einen Fötus-Hamlet zum Mordzeugen

Ian McEwan erzählt in «Nussschale» aus der Perspektive eines Fötus. Ein grosses Lesevergnügen – das aber mit zu viel Autorwissen auftrumpft und etwas abgedroschen wirkt.
Hansruedi Kugler
Der britische Autor Ian McEwan (68), hier in Ascona, scheidet die Geister mit seinem neuen Roman. (Bild: Samuel Golay/Keystone)

Der britische Autor Ian McEwan (68), hier in Ascona, scheidet die Geister mit seinem neuen Roman. (Bild: Samuel Golay/Keystone)

«So, hier bin ich, kopfüber in einer Frau.» Hier spricht ein Fötus. Nach Charles Lewinsky («Andersen») erzählt dieses Jahr ein zweiter Autor aus dieser Perspektive. Anders als bei Ersterem aber hat Ian McEwans Erzähler kein Vorleben. Er ist ein Miniatur-Hamlet, zwei Wochen vor der Geburt. Er hört und spürt mehr, als ihm lieb ist: Seine Mutter plant mit Hilfe ihres Liebhabers den Mord am Gatten, einem erfolglosen Poeten, um an dessen geerbtes Haus zu kommen.

Sie merkt dann zu spät, dass sie diesen doch gern hat und dass der Liebhaber zwar sexuell potent, aber dumm, treulos und geldgierig ist. Und weil er zudem der Bruder ihres Mannes ist, wird die Hamlet-Konstellation perfekt.

Fötus wird Weinkenner und bekommt Kopfweh

Nach Meinung der meisten englischen Kritiker ist das Buch ein Vergnügen. Und bleibt es für jene Leser, die dem Autor die abgestandene Rahmenhandlung verzeihen und sie als Spielfeld akzeptieren, auf dem er wunderbare Bilder, verblüffende Erkenntnisse, tolle Gedankengänge auslegt.

Denn er hält die Erzählperspektive bis zur letzten Seite durch. Und was der Fötus alles erlebt: wenn er Kopfschmerzen kriegt, weil seine Mutter wieder mal zu viel Wein trinkt, oder wenn er die Verwirrung schildert ob all der Eindrücke: Stetig muss er Puzzleteile von Gehörtem und Gespürtem zusammensetzen. Zweifel kommen auf: Ist sein Vater wirklich ein langweiliger Poet? Oder ist das nur die Sicht der Mutter?

In solchen Momenten ist der Roman stark, hat Witz, Charme und Unmittelbarkeit – gerade, wenn er kindliche Eifersucht offenbart. Der Fötus verzweifelt bei der Vorstellung, bald als Säugling bei dummen, intriganten Leuten leben zu müssen: «Ich wünschte, ich würde nie geboren ...», um gleich lakonischen Witz zu zeigen: «Ich habe verschlafen.»

Er erduldet stoisch den heftig pumpenden Geschlechtsakt in seiner Stirnnähe und protestiert schon mal mit einem Fusstritt. Das ist lustig, mit schwarzem Humor und viel Snobismus vorgetragen. Die anfangs verachtete Mutter gewinnt er allmählich lieb. Er wird zum Weinkenner, philosophiert über Langweile und Liebe leichtfüssig intelligent und produziert blendende Bonmots, die Stoff zum Nachdenken geben.

Existenziell wirft uns der Autor ohnehin in eine packende Situation: Mit seinem Fötus teilen wir alle die bitter-groteske Erfahrung des Wissens aus zweiter Hand, die daraus resultierende Konfusion und das Gefühl des machtlosen Ausgeliefertseins. Das macht den Fötus und mit ihm uns Leser zu Brüdern Hamlets.

Reine literarische Spielerei mit drei Problemen

Leider ahnt man aber in diesem Roman schon auf der ersten Seite fast alles, auch wenn man einen der klügsten Gegenwarts­autoren vor sich hat. Genau das aber ist eines der drei Hauptprobleme dieses Romans: Da denkt sich ein Fötus allerhand über seine Aussenwelt. Allerdings so altklug und gewandt, dass man viel zu oft den Autor statt des frühkindlichen Wesens sprechen hört. McEwans Haltungen, Beobachtungen, Reflexionen über Politik, Religion, ja selbst über die Gender-Frage fliessen ein. Das ist ärgerlich, denn damit mindert er das Groteske an der originellen Erzählperspektive.

Dass hier ein Fötus erzählt, wird so – Problem Nummer 2– viel zu oft unglaubwürdig. Der Autor muss tief in die Trickkiste greifen: Die Mutter höre den ganzen Tag Sachbeiträge am Radio – daher das grosse Wissen.

Am wichtigsten aber ist Problem Nummer 3: Der Fötus wird Zeuge der Vorbereitung eines Mordes, dessen Motive und Personal aus einem abgedroschenen Boulevardstück stammen könnten. Darum ist «Nussschale» letztlich eine blosse ­Spielerei, die einiges an Lesevergnügen bietet. Aber keinem Vergleich standhält mit McEwans Romanen wie «Abbitte» oder zuletzt «Kindeswohl» über eine Familienrichterin im Gewissens­dilemma.

Hansruedi Kugler
kultur@luzernerzeitung.ch

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