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NEUER ROMAN: Zafón inszeniert mörderische Jagd in Francos Spanien

Mit «Der Schatten des Windes» schuf Carlos Ruiz Zafón 2001 einen Meilenstein spanischer Gegenwartsliteratur. Nach zwei Folgebänden kommt nun der Abschluss der Serie.
Fabian Wegener (dpa)
Carlos Ruiz Zafón (52) übertreibt in mancher Hinsicht, aber gerade das macht die Besonderheit seiner Bücher aus. (Bild: EPA (11. Februar 2017))

Carlos Ruiz Zafón (52) übertreibt in mancher Hinsicht, aber gerade das macht die Besonderheit seiner Bücher aus. (Bild: EPA (11. Februar 2017))

Fabian Wegener (DPA)

kultur@luzernerzeitung.ch

Der Himmel über Barcelona steht bereits in Flammen, als eine Fliegerbombe das Wohnhaus der jungen Alicia Gris dem Erdboden gleichmacht. Während sich Aschesäulen stiebend durch die Ramblas wälzen und ein Glutmeer erbarmungslos nach dem Mädchen zu greifen scheint, findet dieses dank einem Unbekannten Zuflucht an einem mysteriösen Ort: dem «Friedhof der vergessenen Bücher».

Es ist wohl das letzte Mal, dass Carlos Ruiz Zafón seine Leser an diesen Hort des verlorenen Wissens im Herzen Barcelonas zurückkehren lässt. Rund 16 Jahre nach «Der Schatten des Windes», das in 36 Sprachen übersetzt und rund 15 Millionen Mal verkauft wurde, bildet der Roman den Abschluss der Tetralogie, die den Spanier in den Rang eines ­Literatur-Popstars erhoben hat.

Geheimnisvolles Buch aus dem Kerker

Und streng genommen kämpft auch Zafóns Protagonistin gegen Windmühlen. Rund 20 Jahre nach jener schicksalhaften Bombennacht ist die junge Frau Sonderermittlerin in Madrid. Ein letzter Geheimauftrag der Politischen Polizei führt sie zurück in ihre Heimat Barcelona, in der sie das Verschwinden von Minister Mauricio Valls, dem ehemaligen Kerkermeister des Foltergefängnisses von Montjuïc, untersuchen soll. Ihre einzige Spur: ein geheimnisvolles Buch aus der Serie «Das Labyrinth der Lichter» von einem Ex-Häftling des Kastells.

Schnell zeigt sich, wie schwer sich die Aufklärung eines Verbrechens in der wohl unbarmherzigsten Zeit der Franco-Diktatur gestalten kann. Zeugen oder Ermittler verschwinden, um Wochen später als Wasserleiche wieder aufzutauchen, Mitwisser werden auf offener Strasse liquidiert.

Ein ominöser Widersacher zieht hinter dem Paravent der Politik die Fäden, wodurch Alicia immer tiefer in den Sog aus Geheimnissen und Intrigen gerät. Bald schon wird klar, dass längst nicht mehr nur das Leben des Ministers auf dem Spiel steht. Doch auch in dieser tristen Epoche hat sich Zafóns Barcelona einen Teil seiner Magie bewahrt.

Das ist vor allem dem pittoresken Schreibstil geschuldet, mit dem er auch dem Herkömmlichen und Ordinären den Anstrich des Extravaganten verleiht. So wird der Gauner zum «Zigeunerfürsten», ein vor sich hinrottendes Luxusetablissement zum «Selbstmordhotel» und Alicias im Schatten agierender Patron zum «Fürsten der Dunkelheit».

Mit der Romantisierung schiesst Zafón immer mal wieder über das Ziel hinaus, ebenso mit der Dicke des Werkes – knapp 950 Seiten. Auch wirkt es zuweilen so, als verlasse er sich zu stark auf bewährte Elemente der Reihe. Dies scheint ihm bewusst zu sein. So klagt eine Romanfigur: «Immer wirft man mir vor, ich wiederhole mich. Das ist eine Krankheit, die alle Romanciers befällt.»

Und doch sind es gerade diese Eigenheiten, die «Das Labyrinth der Lichter» vom herkömmlichen Kriminalroman unterscheiden. Die Verschrobenheit der Charaktere, die stilsicher inszenierten, oft von Ironie durchtränkten Wortgefechte und die Eindrücke einer albtraumhaft verzerrten Grossstadt, in der selbst vor dem Hintergrund bösartigster Verbrechen das Grau des Alltags schwerer zu wiegen scheint – all das bricht den genretypischen, linearen Erzählfluss immer wieder erfrischend auf.

Beliebige Reihenfolge? Nicht ganz!

Zafón selbst hatte zwar in der Vergangenheit immer wieder betont, dass der Romanzyklus verschiedene Eingänge habe und so in beliebiger Reihenfolge gelesen werden könne. Doch im Abschlusswerk laufen alle Fäden zusammen, alle Handlungsstränge der Vorgängerromane werden sinnstiftend verbunden und aufgelöst. Wer die Vorgeschichte nicht kennt, wird sich wohl trotzdem gut unterhalten fühlen.

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