NEUES ALBUM: Anna Rossinelli: «Die Welt ist mehr als Nananana»

Auf ihrem neuen Album «Takes Two To Tango» kann man eine neue Anna Rossinelli entdecken. Die 28-Jährige singt dunkler und tiefer denn je.

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Macht auf ihrem dritten Album einen Schritt vorwärts: Anna Rossinelli. (Bild: PD)

Macht auf ihrem dritten Album einen Schritt vorwärts: Anna Rossinelli. (Bild: PD)

Stefan Künzli

Sie war das Eurovisions-Schätzchen der Nation, das nette Mädchen von nebenan. Mit ihrem luftig-leichten, ­jazzig angehauchten Feelgood-Sound eroberte die Basler Sängerin Anna ­Rossinelli am Eurovision Song Contest die Herzen der Schweizer. Ein unbekümmerter, fröhlicher, unbeschwerter Sound von einer hübschen, blonden, zierlichen Sängerin. Das passt – oder schien zu passen. «Ich bin nicht das nette Mädchen von nebenan», sagt Anna Rossinelli bestimmt und legt ihre Stirn in Falten, «dieses Image geht mir gehörig auf den Sack.»

Auf den ESC reduziert

Am Song Contest 2011 in Düsseldorf hat Anna Rossinelli eine gute Visitenkarte hinterlassen. Als einer der wenigen Schweizer Teilnehmer hat die Basler Musikerin mit dem Song «In Love For A While» das Finale erreicht, weshalb sie dem europäischen Liederwettkampf eigentlich viel zu verdanken hat. Es war die perfekte Starthilfe für die Musikerkarriere. Doch der Wettbewerb ist Fluch und Segen. Der Stempel «Eurovision» steht auch für Oberflächlichkeit und für Künstler, die schnell wieder von der Bildfläche verschwinden.

Für Anna Rossinelli trifft dies nicht zu. Das Trio mit den beiden Mitmusikern Georg Dillier (Bass) und Manuel Meisel (Gitarre) hat sich in der Schweizer Pop-Szene etabliert, und das zweite Album «Marylou» hat sogar Platz 1 der Schweizer Hitparade gestürmt. Und doch werden die Basler immer wieder auf die Eurovision-Sache reduziert. Das kann nerven. Für ihr drittes Album haben sie deshalb keinen Aufwand gescheut, um einen Schritt vorwärtszukommen. «Wir wollen als Künstler ernst genommen werden und haben für unser Album Tiefgang gesucht», sagt Manuel Meisel.

Inspiration war eine dreimonatige Reise durch die USA, das Mutterland von Rock und Pop. San Francisco, Los Angeles, Austin, Memphis, New Orleans und New York waren die wichtigsten Sta­tionen. Es sollten keine musikalischen Städteporträts werden, aber auch keine amerikanischen Stil-Kompilationen. Vielmehr haben die drei mit Produzent und Schlagzeuger Simon Kistler Songideen und Songskizzen mit nach Amerika genommen und sie auf ihrer Reise durch Amerika spielend ausgearbeitet. Neue Instrumente, neue Farben und neue Stimmen sind dazugekommen, die den Charakter der Lieder verstärken oder verändern konnten. Ein Gospelchor in Dallas, ein Posaunist in New York, eine Blues Harp in L. A., eine Steel-Gitarre in Nashville, eine Reihe von Gastsängern und Zufallsbekanntschaften.

«Die USA sind dazu ein optimales Terrain», sagt Georg Dillier, «die Amerikaner sind viel offener, risikobereiter, kommunikativer und zugänglicher als die meisten Schweizer.» Die Sessions wurden aufgenommen, auch filmisch festgehalten, und an der Endstation, in einem New Yorker Studio, wurde alles schliesslich zu einem Ganzen zusammengefügt.

Helvetische Vorarbeit

«Takes Two To Tango» heisst das Resultat ihrer amerikanischen Feldstudien, die aber nichts mit Tango oder Argentinien zu tun haben. Der Titel sagt, dass es für eine gelungene Sache zwei braucht. In diesem Fall die helvetische Vorarbeit und die amerikanische Inspiration.

Und tatsächlich: Die Anna Rossinelli von heute ist nicht mehr jene von damals. Das Locker-Flockige ist zwar nicht ganz verschwunden, aber der Sound ist insgesamt viel facettenreicher, abwechslungsreicher und farbiger. «Takes Two To Tango» ist von einer melancholischen Grundnote bestimmt. Der Sound ist reduzierter, erdiger, und die akustischen Instrumente sind zum Teil durch elektrische ersetzt worden.

Manchmal verrucht

Vor allem kann man eine neue Anna Rossinelli entdecken. Die 28-Jährige singt dunkler und tiefer denn je, bittersüss und manchmal tatsächlich sogar verrucht. Das passt. Mehr noch. Man stellt überrascht fest, dass im tieferen Register die eigentliche Stärke der Sängerin liegt.

Hier ist sie unverwechselbar, fast magisch. Anna Rossinelli hat sich vom Eurovision Song Contest emanzipiert und sich gefunden: «Die Welt ist mehr als Nananana.»

Anna Rossinelli: Takes Two To Tango (Universal)