NEUES ALBUM: «Bilderbuch» – Wie eine funkelnde Discokugel

Die Band Bilderbuch begeistert mit ihrem knallbunten Sound über die österreichische Grenze hinaus. Alles an ihrer Musik und ihrem Auftreten zeugt von einem sehr gesunden Selbstbewusstsein.

Steffen Rüth
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Irgendwie hip, irgendwie retro: Bilderbuch mit Maurice Ernst (links). Bild: Elizaveta Porodina (Bild: Elizaveta Porodina)

Irgendwie hip, irgendwie retro: Bilderbuch mit Maurice Ernst (links). Bild: Elizaveta Porodina (Bild: Elizaveta Porodina)

Steffen Rüth

kultur@luzernerzeitung.ch

«Wir sind der Prosecco des Pop», sagt ein schon zur frühen Morgenstunde erstaunlich ausgeschlafen wirkender Maurice Ernst, Sänger von Bilderbuch. «Nämlich spritzig, nicht nur zum Grölen, sondern auch ein bisschen zum süffisant sein. Und nicht so elitär wie Champagner.» Passend dazu prickelt der Perlwein auch im Video zum Song «Sweetlove», zudem sei die ganze Band – «nachdem wir Gin Tonic nicht mehr sehen konnten» – dazu übergegangen, sich vor Konzerten ein Fläschchen Prosecco zu teilen. «Der gaukelt dir vor, etwas richtig Feines zu sein, und in Wahrheit ist es ein Brausegetränk, das man sich leisten kann. Champagner ist für die Reichen, Prosecco ist für uns alle.»

«Magic Life» heisst das neue Bilderbuch-Album, das ist auch der Name einer in Österreich sehr bekannten Ferienklubkette, und natürlich sind Eskapismus und Hedonismus auch auf der neuen Platte gegenwärtig. Aber eben nicht mehr so intensiv und alles beherrschend wie auf dem Vorgänger «Schick Schock» und seinen Hits wie «Spliff».

Introvertierter geworden

«Schick Schock» war noch mehr von der Utopie und dem Traum vom schönen Leben getragen. «Magic Life» ist melancholischer, nicht mehr so extrovertiert, sondern introvertierter. In «I Love Stress» fragen Bilderbuch zum Beispiel «Was macht mich aus? Was ist meine Stärke?» Es dreht sich nicht mehr so viel um Statussymbole, sondern eher um die Häuslichkeit. «Bei ‹Schick Schock› war Highlife und Kohle eine extrem wichtige Thematik. Weil das damals noch eine Fantasie war. Auf einmal verdienst du dann Geld, aber das ist nicht geil oder super, sondern viel normaler und nüchterner, fast trostlos», sagt Ernst.

Und so kurvt man im knallig-poppigen «Bungalow», der besten Nummer auf «Magic Life», eben nicht mehr im Lamborghini durch die Gegend, sondern im Skoda. «Die Orgel, der Beat, der Loop, das ist ein lustiges Lied, irgendwo so zwischen Rihanna und Bierzelt», so die Einschätzung von Maurice Ernst.

Zuerst den Dachboden durchstöbern

«Das hat Rhythmus, wie die alten Leute sagen. Wahrscheinlich ist das der poppigste Song, den Bilderbuch je gemacht hat. Ich habe ihn der Oma und dem Opa vorgespielt, die sind ein guter Gradmesser.» Von den Grosseltern klaut der exaltierte Frontmann gern auch mal die Klamotten, vielleicht auch deshalb wurde er von einem Herrenmagazin zu «Österreichs bestgekleidetem Mann» gewählt. «Wenn man Familie hat, sollte man erst einmal den Dachboden durchstöbern, bevor man zum Secondhand-Laden geht», lautet Ernsts lapidar-treffender Kommentar.

«Eine Generation tritt gerade ab»

Bilderbuch hat Grosses im Sinn, es gibt praktisch keine aktuellen Vergleichsmöglichkeiten, man landet einfach doch immer wieder bei Falco, bei David Bowie, bei Prince. Letzterem haben sie mit «Sweetlove» und «I Love Stress» bewusste Denkmäler gesetzt, denn «Prince hat es verdient, dass wir kurz so klingen wie er». Maurice Ernst vermittelt ein souveränes Selbstbewusstsein. «Wir glauben an das, was wir tun. Gerade tritt eine glanzvolle Popgeneration ab. Es gibt ein Vakuum, neue Leute müssen können. So ein Generationswechsel motiviert einen auch.» Auch Druck habe man nach «Schick Schock» keinen gespürt, «schwierig wäre es nur geworden, wenn wir angefangen hätten zu zweifeln».

Im deutschsprachigen Pop, der ja bisweilen bevölkert ist von jungen Barden mit der Ausstrahlung eines Feuchttuchs, stechen Maurice Ernst und seine Kumpels heraus wie eine funkelnde Discokugel. Sie sind sich dessen sehr bewusst und spielen mit dem Sex-Appeal, ob nun in Songzeilen wie «Ich brauch Power für mein Akku/Baby, leih mir deinen Lader» («Bungalow») oder auf der Bühne. «Würde ich mich selbst nicht sexy finden», so Maurice, «dann wäre das ja eine Plage für mich. Ich kann ja nicht rausgehen und denken ‹Du bist ein ekelhaftes Scheusal›. Natürlich halte ich meinen Hintern mit Selbstbewusstsein ins Licht. Warum soll eine Beyoncé das machen dürfen, aber ich nicht?»