NEUES ALBUM: Depeche Mode: «Routine wäre das Ende der Band»

Das vierzehnte Studiowerk der britischen Band Depeche Mode heisst «Spirit». Und es klingt so politisch, bedrohlich und düster wie noch nie zuvor.

Steffen Rüth
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Depeche Mode: Andrew Flechter, Dave Gahan und Martin Gore (von links). (Bild: Anton Corbijn)

Depeche Mode: Andrew Flechter, Dave Gahan und Martin Gore (von links). (Bild: Anton Corbijn)

Steffen Rüth

kultur@luzernerzeitung.ch

Nach dem Veröffentlichungsdatum eines neuen Albums von Depeche Mode kann man längst den Wecker stellen. Alle vier Jahre, immer im Frühling, kommt etwas Neues von der weltweit erfolgreichsten Synthie-Pop-Band aller Zeiten. Aber das war es diesmal auch schon mit den Verlässlichkeiten. «Routine wäre das Ende für diese Band», ist Dave Gahan, der Frontmann, überzeugt. «Für uns ist es entscheidend wichtig, ein Album zu machen, das standhalten kann. Nach über 35 Jahren deine kreativen Grenzen zu verschieben, ist nicht einfach und manchmal unbequem. Aber eine Alternative sehe ich für uns nicht.»

Die grösste Neuerung: Für «Spirit» hat man einen neuen Produzenten verpflichtet. James Ford, bekannt für seine Arbeit mit den Arctic Monkeys, Florence & The Machine und eine Hälfte des Electro-Pop-Duos Simian Mobile Disco, übernahm den Job vom bisherigen Stammproduzenten Ben Hillier und setzte ein paar neue Reize.

Schon fertig vor der Wahl Trumps

«Mit James haben sich die Räder neu in Bewegung gesetzt», so Multi-Instrumentalist Martin Gore. «Er ist ein Soundgenie und hat das Beste aus uns herausgekitzelt. Und supereffizient ist er auch.» Sie hätten im September noch ein Studio in New York gebucht, «das konnten wir wieder stornieren, weil sechs Wochen vor der geplanten Fertigstellung schon alles im Kasten war.»

Somit war die Platte schon vollendet, als Donald Trump die Wahl zum US-Präsidenten gewann, und geschrieben, als die britischen Landsleute mit knapper Mehrheit für das Verlassen der EU votierten. Und doch wirken die Songs, als hätten diese Ereignisse tiefe Spuren hinterlassen.

So dunkel, bedrohlich und hoffnungslos wie auf «Spirit» klangen Gahan (54), Gore (55) und Andy Fletcher (55) wohl noch nie. Und so packend auch schon lange nicht mehr. Die Platte hat richtig Biss, ist vielschichtig und komplex, klingt oft wüst («Scum», «Poison Heart») und manchmal auch ganz sanft («Cover Me», «Eternal»). Erneut stammt der Grossteil der Songs von Gore, aber auch Gahan hat vier Stücke beigetragen, das erotisch-brachiale «You Move» ist eine Gemeinschaftskomposition der beiden.

«Wir sprechen die Dinge so an, wie sie sind»

Auffällig: Am Beginn des Albums stehen mit «Going Backwards», «Where’s The Revolution» und «The Worst Crime» drei Songs explizit politischen Inhalts. Ist «Spirit» das pessimistischste Depeche-Mode-Album aller Zeiten? Martin Gore lacht, dann wird er ernst. «Das Wort ‹pessimistisch› kann ich nicht so gut leiden. Ich mag den Begriff ‹realistisch› lieber. Wir sprechen die Dinge so an, wie sie sind. Falls das ein bisschen deprimierend rüberkommt, dann tut es mir leid.»

Gahan ergänzt: «Vor allem verspüre ich Frust und auch Verunsicherung. Wo soll es hingehen? Wem sollen wir glauben? Wem folgen?» Man könne schon sehr sarkastisch werden. Es sei kaum möglich, «nicht betroffen zu sein von allem, was du beim Fernsehen siehst und was du liest. Die Angst, die von Politikern wie Trump verbreitet wird, ist irreal und verrückt. Die Welt lässt sich nicht einteilen in die Guten und die Bösen.»

Nicht zufällig haben sich die drei, die unlängst fälschlicherweise als «offizielle Band» der US-Rechtsradikalen-Bewegung Alt-Right gebrandmarkt wurden, in liberalen Enklaven niedergelassen. Andy Fletcher lebt in London, Dave Gahan in New York und Martin Gore im kalifornischen Santa Barbara. «Dort leben wir sehr gern und sehr gut», sagt Gahan. «Wir sind gesegnet, haben Möglichkeiten im Überfluss, aber das heisst nicht, dass wir uns nicht für das interessieren, was um uns herum passiert.»

Ein Umzug, etwa nach Berlin, wo Depeche Mode 1983 das Album «Construction Time Again» aufnahmen und sich seit jeher sehr wohl fühlen («Wir gucken der Stadt dabei zu, wie sie sich verändert, und sind immer wieder fasziniert»), stehe nicht zur Debatte, schon aus praktischen Gründen.

Gore – dessen Tochter Johnnie Lee vor einem Jahr zur Welt kam – ist familiär gebunden. Er hat einen 14-jährigen Sohn aus früherer Ehe, der alle zwei Wochen bei ihm ist. Und Gahan, dessen Tochter Stella Rose im Sommer die High School beendet, habe «in New York mit meiner Familie eine Heimat gefunden».

Beiden geht es also gut, und Gahan begibt sich – nach Drogensucht, Herzstillstand und Blasenkrebs – nur noch künstlerisch zurück in die alten Abgründe. «Poison Heart» handelt vom ewigen Lockgesang der Sirenen, auch «You Move» thematisiert (und persifliert) die Versuchung. «In meinen Songs kommt der Teil meiner Persönlichkeit zum Ausdruck, der ansonsten verschlossen und versteckt bleibt. Und das aus gutem Grund. Manchmal muss ich Dark Dave rauslassen. Sonst würde er mich auffressen.»

«Das ist meine Art der Romantik»

So aber machen sie weiter, touren im Sommer durch Europa und im Herbst durch Nordamerika, haben schon eine Million Tickets verkauft und sehen, so Gahan, «gerade nichts, das uns stoppen könnte». Ausser, ja ausser vielleicht jenen Atomkrieg, von dem Martin Gore im von ihm selbst gesungenen «Eternal» spricht, und in dessen Gegenwart er seine Tochter ein allerletztes Mal küssen werde. «Das ist meine Art der Romantik. Ich denke allerdings, wenn du in der heutigen Zeit ein Kind in die Welt setzt, dann musst du tatsächlich immer mit dem Schlimmsten rechnen.»

Und dieser Mann will kein Pessimist sein?