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NEUES ALBUM: Die Beginner machten den Rap massentauglich

Das neue Album der Beginner ist die erste Retrospektive des deutschsprachigen Rap. Jetzt endlich wird klar, wie sehr die Subkultur in die Mitte der Gesellschaft vorgedrungen ist.
Benno Tuchschmid
Jan Delay, Denyo und DJ Mad (von links) sind die Beginner. (Bild: PD/David Königsmann)

Jan Delay, Denyo und DJ Mad (von links) sind die Beginner. (Bild: PD/David Königsmann)

Benno Tuchschmid

Als die Beginner 2003 ihr letztes Album veröffentlichten, war Gerhard Schröder noch deutscher Bundeskanzler. Auf dem Musiksender MTV verkaufte ein Unternehmen namens Jamba digitale Klingeltöne, und die Beginner landeten als erste deutsche Rap-Crew ein Nummer-1-Album in den heimischen Charts. Lange ists her.

13 Jahre später sitzen Jan Delay, Denyo und DJ Mad auf der Sonnenterrasse eines Basler Viersternehotels und strahlen die lässige Entspanntheit von Künstlern aus, die wissen, dass eigentlich nichts schiefgehen kann. Gerhard Schröder arbeitet mittlerweile als Lobbyist. Mit Klingel­tönen verdient niemand mehr Geld. Der Status der Beginner aber ist unverändert.

Viel Prominenz

Deutschrap ist definitiv in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Nicht, dass die Beginner sich inhaltlich total eingemittet hätten. Da ist immer noch ein wenig Politik in Form von linkem Protest gegen Saatgutfirmen («Monsanto ist böse, Monsanto ist der Feind») und immer noch sehr viel Gesellschaftskritik («Wenn es Spass macht, ist es eh verboten / Sie denken schwarz-weiss, ich denke Regenbogen»). Nicht die Beginner haben sich der Mitte der Gesellschaft angenähert, sondern umgekehrt.

Nichts zeigt das so akkurat wie der Videoclip zu ihrer Single «Es war einmal». Da tummelt sich en masse deutsche Prominenz um die Hamburger Künstler. Unter anderem Hipster-Gott Jan Böhmermann, «Zeit»-Chefredaktor Giovanni Di Lorenzo oder TV-Koch Tim Mälzer. Jetzt ist es also passiert. Nun ist Rap auch in Deutschland chic. DJ Mad sagt: «Früher warst du als Hip-Hopper der Aussenseiter, heute bist du der Aussenseiter, wenn du keinen Hip-Hop hörst.»

Die Beginner standen ganz am Anfang dieser Entwicklung. Ihr Album «Bambule» aus dem Jahr 1999 war der «Soundtrack einer Generation», wie Jan Delay auf dem neuen Album sagt. Songs wie «Füchse», «Liebeslied» oder «Hammerhart» haben damals kurz vor der Jahrtausendwende aufgezeigt, dass Rap auf Deutsch massentauglich und authentisch zugleich sein kann. Mit ihrem nordischen Slang prägten sie Deutschland auch sprachlich. Ausdrücke wie «Digger» und «was geht» wurden über die Beginner zum Allgemeingut. 2003 folgte «Blast Action Heroes». Es war der Startschuss einer Entwicklung, die nun mit «Advanced Chemistry» vollzogen ist.

Ohne sich dem Trend anzubiedern

Musikalisch ist das neue Album eine Synthese. Jan Delay, in der Zwischenzeit mit Funk- und Soul-Songs mal eben zu einem der erfolgreichsten deutschen Entertainer geworden, steuert das Gefühl für eingängige Melodien und viel Liebe für Reggae bei. Denyo, der letztes Jahr mit «Derbe» ein künstlerisch zeitgemässes, aber kommerziell eher erfolgloses Rap-Album aufgenommen hat, brachte den Kontakt und die Zusammenarbeit mit jungen, innovativen Soundschraubern mit, die dafür sorgten, dass «Advanced Chemistry» zeitgemäss klingt, ohne sich den aktuellen Trends allzu stark anzubiedern. Das alles vermischt sich auf «Advanced Chemistry» zu einem musikalisch interessanten Album mit altbewährter textlicher Nonchalance. Neu erfunden haben sich die Beginner nicht. Brauchten sie auch nicht.

Die wahre Bedeutung von «Advanced Chemistry» liegt allerdings darin, dass es den Bogen spannt über 30 Jahre Deutschrap. Das Album ist die erste deutsche Rap-Retrospektive. Benannt nach einer der ersten deutschen Rap-Gruppen überhaupt. Die Crew Advanced Chemistry gehörte Ende der 80er-Jahre zu den Pionieren des deutschen Sprechgesangs. Der Mitgründer Torch ist so etwas wie der Hip-Hop-Übervater Deutschlands. Er spricht das Intro auf dem Beginner-Album. Aber es sind eben auch die neusten Stars der Szene wie Haftbefehl oder Gzuz aus Hamburg vertreten.

Sie sind die Speerspitze jener Strömung, die Rap in Deutschland in den letzten Jahren zu dem machten, was er in seinem Ursprungsland in den USA immer war: zur Stimme der Stimmlosen. Zur modernen Volksmusik des Prekariats. Im Falle Deutschlands von jungen Migranten, die in sozialen Brennpunkten wie Offenbach bei Frankfurt oder Hamburg nach Aufstiegsmöglichkeiten suchen. Manchmal mit Drogenhandel. Manchmal mit Rap. Manchmal mit beidem.

Die Beginner kommen wie die meisten Vertreter der ersten und zweiten Generation des deutschsprachigen Rap nicht von ganz unten. Jan Delay bezeichnet die Gruppe als Teil der «Müsli-Blase», jener ersten grossen Welle des deutschsprachigen Rap um die Jahrtausendwende, deren Vertreter vor allem politisch bewusste Mittelstandsjugendliche waren.

Doubles im Fernsehen

Die Beginner wurden sozialisiert in autonomen Jugendzentren und verstehen sich nach wie vor als dezidiert links. Entsprechend ambivalent stehen sie dem kommerziellen Erfolg gegenüber. Auch dem eigenen. «Wenn etwas zu gross wird, droht immer Langeweile», sagt Jan Delay. Aber die Beginner haben ein einfaches Rezept dagegen. «Wenn wir merken, dass etwas schiefläuft, haben wir immer die Reissleine gezogen. Werden wir auch künftig tun.» So wie damals, am 25. Dezember 1998. Die Beginner waren einge­laden zur TV-Charts-Show «The Dome», wo von ihnen ein Playback-Auftritt verlangt worden wäre. Darauf hatten sie schlicht keinen Bock. Und schickten Doubles in die Fernsehsendung.

Beginner: Advanced Chemistry (Universal)
Bewertung: 4 von 5 Sternen

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