NEUES ALBUM: Gustav – Euphorie und Schwermut

Gustav punktet derzeit mit dem offiziellen EM-Song von SRF. Auf seiner neuen Platte zeigt sich der 41-jährige Freiburger aber deutlich nachdenklicher.

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Gustav singt von Ängsten, vom Davonlaufen, aber auch davon, dass es immer einen Ausweg gibt. (Bild: PD/Sebastian Magnani)

Gustav singt von Ängsten, vom Davonlaufen, aber auch davon, dass es immer einen Ausweg gibt. (Bild: PD/Sebastian Magnani)

Miriam Lenz, sda

«Was soll dieser Scheiss?», fragt sich Gustav seit dem Blutvergiessen im Pariser Konzertlokal Bataclan im November letzten Jahres immer wieder. In «La priere» formuliert er es differenzierter, fragt, wie viele Fehler es denn noch brauche, wie viele Kriege und wie viele Mauern, bis endlich alles besser wird.

In der Kirche sinniert

Der Song sei keine eigentliche Abrechnung, aber eine durchaus kritische Auseinandersetzung mit dem Glauben. «Ich habe mehr und mehr das Gefühl, dass Religionen der Grund sind, warum es in der Welt so viel Unheil gibt», sagt er. Auch er sei gläubig, aber nicht religiös.

Sinniert hat Gustav in Vorbereitung auf sein Album oft in einer Kirche. «Dieser Ort strahlt eine ungewöhnliche Ruhe und Grösse aus», sagt er. «Die Leute flüstern, weil der Hall die Stimme zu stark verstärken würde, man fühlt sich klein und unwichtig.» Gleichzeitig erwartet man da Grosses – «Tu m’entends pas?», singt er.

Einen ähnlich kühlen, stillen Ort beschreibt der 41-Jährige im Lied «Dans la cave de mon grand-pere», wo es ausser Wind, Wein, Gläsern und einem Foto einer nachkriegszeitlichen Fabrik nicht viel gibt. Ausser einen Jesus, der nur schaut und nichts tut («Et Jésus qui regarde sans rien faire»).

Neben den Zweifeln die Hoffnung

Das Gegenstück zu den nachdenklichen Nummern liefert Gustav mit «Tous ensemble». In dem offiziellen EM-Song von Schweizer Radio und Fernsehen SRF, das Gustav in Mundart und auf Französisch aufgenommen hat, geht es um eben diese Einheit, nach der er sich auch nach dem sportlichen Monat sehnt – «zämecho im Fieber, wöu zäme simmer zschwach, vereint simmer mächtig, nume zäme simmer starch».

Ein Volltreffer, sagt Gustav, sei dieser Song, «wenn er trotz eines schlechten Spiels gesungen» werde. Die Nummer sei ein Lied für das grosse Volk, eines, das zum Mitsingen und Mitfiebern animieren soll – «egal, woher du kommst, wie du sprichst, welchen kulturellen Hintergrund du hast». «Tous ensemble» ist seiner Ansicht nach ein Fussballsong, bei dem all diese Faktoren eine wichtigere Rolle spielten als der künstlerische Aspekt. Doch auch dieses Kriterium erfüllt der volkstümlich angehauchte und eingängige Popsong.

«9» (oder «neuf, neun, nün») lässt sich als ein auf allen Ebenen emotionales Album überschreiben. Euphorisch und mitreissend ist die Fussballhymne, auch «Tomber de haut» weckt gute Laune. Wogegen die ruhigen Nummern nachdenklich, wenn nicht gar traurig stimmen oder einen wie beim jazzigen, zuweilen beinahe flüsternd gesungene «Ne partez pas sans moi» sanft schunkeln und ein bisschen träumen lassen.

Persönlichstes Album

Die Vielseitigkeit, die sich übrigens auch in der Dreisprachigkeit (Seislerisch, Französisch, Deutsch) widerspiegelt, ist sicher nicht zuletzt damit zu begründen, dass sich Gustav nicht nur in der Kirche, sondern auch von anderen Orten und von anderen Stimmungen inspirieren liess.

Der Musiker, der «9» als sein bisher persönlichstes Album bezeichnet, singt von Ängsten, vom Davonlaufen, aber auch davon, dass es immer einen Ausweg gibt, egal wie verzweifelt man ist («Un tambour dans le coeur»). «Die Brücke ist nie eine Option.»

Gustav: «9» (Universal)

Bewertung: 3 von 5 Sternen