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NEUES ALBUM: Lady Gaga – ein Freak schminkt sich ab

Verrücktes Make-up und Abendkleider aus rohem Fleisch waren gestern. Lady Gaga streift mit «Joanne» ein Stück ihrer Extravaganz ab und erzählt eine aufrichtige Geschichte.
Johannes Schmitt-Tegge, dpa Kultur@luzernerzeitung.ch
Mag sich gewandelt haben, aber geizt immer noch nicht mit ihren Reizen: Lady Gaga (30). Hier bei einem Auftritt vom 22. Oktober 2016 in New York. (Bild: AP)

Mag sich gewandelt haben, aber geizt immer noch nicht mit ihren Reizen: Lady Gaga (30). Hier bei einem Auftritt vom 22. Oktober 2016 in New York. (Bild: AP)

Bei den MTV Video Music Awards hing sie wie leblos mit Kunstblut beschmiert über der Bühne. Bei den Grammys stieg sie aus einem überdimensionalen Ei. Bei einem Konzert in Texas erbrach Künstler Millie Brown grüne Flüssigkeit auf ihren halbnackten Körper.

Abenteuerliche Auftritte und polarisierende Outfits waren stets das Markenzeichen von Lady Gaga, die sich mit jeder Performance und jedem Song wie ein Chamäleon neu zu färben schien. Mit ihrem fünften Album «Joanne» hat die Diva sich vom Freak-Status verabschiedet.

Was nicht heisst, dass die vorsichtige Rückbesinnung zur Normalität einen Karriereknick für die 30-Jährige bedeuten würde. Doch im soeben erschienenen Album präsentiert sich Lady Gaga von einer ganz persönlichen, ruhigen und auch ehrlichen Seite.

Die Grösse liegt in der Sanftheit

«Joanne» ist der Mittelname der bürgerlich als Stefani Germanotta bekannten Sängerin sowie der Vorname ihrer Tante Joanne Stefani Germanotta, die im Alter von 19 Jahren an den Folgen der seltenen Autoimmunkrankheit Lupus erythematodes verstarb.

Auf 13 Titeln durchquert die stark von Country beeinflusste Lady Gaga die Welten von Funk, Pop, Dance und Electro. Sie erweitert ihren musikalischen Horizont, spielt mit Genres und liefert trotzdem die typischen Pop-Titel, auf die Fans gehofft haben dürften. «Diamond Heart» etwa, oder das vom Queens of the Stone Age Man Josh Homme begleitete «John Wayne», die beide beste Chancen haben, zu Hits bei der Super-Bowl-Halbzeitshow im Profi-Football im kommenden Februar zu werden.

Doch die Grösse von «Joanne» liegt in den sanfteren Titeln, in denen die wahre Kraft ihrer Stimme abseits von Gaga-Glamour und Bling-Bling zum Vorschein kommt. Sie erzählt von Kummer und Schmerz, zum Beispiel in der bewegenden, gleichnamigen Single für ihre verstorbene Tante.

«Der Himmel ist nicht / Bereit für dich», heisst es im Text. «Ich bin gläubig, es herrscht Chaos / Wo sind unsere Anführer?», fragt sie im Stück «Angel Down». Der Titel erzählt auch von der Angst der Afroamerikaner, von Polizisten erschossen zu werden. Ja, Stefani Germanotta scheut sich auch vor politischen Aussagen nicht.

Jetzt der Blick nach innen

«Die Gefühle auf dem Album haben kein Make-up, keinen Filter. Es geht direkt in die Eingeweide», sagt sie dem Apple-Radiosender Beats 1. Und weiter: «Stimmlich und textlich versuche ich Schwingungen zu erzeugen, bei denen du das Gefühl hast, ich gebe dir eine Umarmung oder eine Art Erlösung. Einen Platz, wo du wütend sein kannst oder an dem du dich geheilt fühlst.»

Wer Lady Gaga so sprechen hört und sich an zitternde Electro-Beats und an Club-Knaller wie «Poker Face», «Bad Romance» oder «Just Dance» erinnert, wähnt sich kurz in einer verkehrten Welt.

Nicht alle Fans werden die ungeschminkte Lady Gaga daher lieben, die auf dem Cover im schlichten Seitenprofil mit einem rosafarbenen Hut posiert. Schon die rohe, ungesüsste Single-Auskopplung «Perfect Illusion» im September hatte eher verhaltenes Interesse ausgelöst. Aber nachdem die Grammy-Gewinnerin sich aus immer neuen Kostümen geschält und sich musikalisch immer wieder gehäutet hat, ist der Blick nach innen womöglich einfach auch der spannendste, der noch bleibt.

Er zeigt, dass selbst die schrill-pinke Pop-Primadonna Lady Gaga eine ganz normale, ehrliche Seite hat.

Johannes Schmitt-Tegge, dpa
kultur@luzernerzeitung.ch

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