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NEUES ALBUM: Radiohead – Träumend in den Untergang

Radiohead erfinden sich auf «A Moon Shaped Pool» nicht neu. Doch so traurig-schön klang die Band lange nicht mehr.
Thom Yorke von Radiohead bei einem Konzert 2012 am Coachella-Festival. (Bild: Keystone)

Thom Yorke von Radiohead bei einem Konzert 2012 am Coachella-Festival. (Bild: Keystone)

Lory Roebuck

Um die Welt ist es gar nicht gut bestellt. Eine Dunkelheit zieht auf, lamentiert Sänger Thom Yorke, es sei alles zu spät, der Schaden bereits angerichtet. «A Moon Shaped Pool» heisst das neue Album seiner Band Radiohead. Der Titel zeichnet das Bild einer vom Klimawandel verwüsteten und überfluteten Erde. Auf dem hymnischen Song «The Numbers» gibt sich die britische Band aber kämpferisch: «Wie hübsche geknickte Blumen / werden wir zurückholen, was uns ist / einen Tag nach dem anderen.»

So hinreissend wie nie

Man möchte Thom Yorke am liebsten in den Arm nehmen. Oder sich ob seiner weinerlichen Stimme die Ohren zuhalten. Radiohead polarisiert. Das war schon immer so. Einige haben der britischen Band – einst zu den Rettern des Rocks ausgerufen – bis heute nicht verziehen, dass sie nach ihrem bahnbrechenden Album «OK Computer» (1997) der Gitarrenmusik radikal den Rücken kehrten. Andere sehen in Radioheads Wiedergeburt in der elektronischen Musik («Kid A», 2000) den Hauptgrund, warum das Quintett auch nach 30 Jahren Bandbestehen nichts an Relevanz eingebüsst hat.

Das Auffälligste an Radioheads inzwischen neuntem Album «A Moon Shaped Pool» ist, dass sich die Band für einmal musikalisch nicht neu erfindet. Stattdessen nimmt sie eine leichte Justierung vor: weg von den elektronischen Blips und Blops ihres sperrigen letzten Albums «The King of Limbs» (2011) hin zu warmen, zumeist analogen Klängen. Entstanden ist das zugänglichste, melodischste, hinreissendste Radiohead-Album überhaupt. Und auch das traurigste.

Mit Orchester und Chor

Schuld daran ist nicht nur Yorkes Gesang über Hoffnungslosigkeit und Abschied. Ein Streichorchester und ein 13-köpfiger Chor verleihen Songs wie «Glass Eyes» und «Tinker Tailor Soldier Sailor Rich Man Poor Man Beggar Man Thief» hochdramatische Klangkulissen. Verantwortet hat sie Leadgitarrist und Soundtüftler Johnny Greenwood, der während Bandpausen mit Vorliebe Filmsoundtracks («There Will Be Blood») komponiert. Greenwood beweist ein Talent dafür, süsse Melodien mit bedrohlichen Dissonanzen zu unterwandern. Im starken Eröffnungssong «Burn the Witch» beispielsweise lässt er die Saiten schlagen statt zupfen – bis sich das Ganze in einem hysterischen Crescendo entlädt.

Songs wie «Burn the Witch» – eine Abrechnung mit rassistischen Vorurteilen – die wunderschöne Samba-Ballade «Present Tense» oder die fulminante Krautrock-Nummer «Ful Stop» gehören schon seit längerem zu Radioheads Live-Repertoire. Die Band hat jahrelang an ihnen herumgetüftelt. «Thom muss spüren, dass ein Song eine Berechtigung hat, aufgenommen zu werden», erklärte der langjährige Radiohead-Produzent Nigel Godrich einst.

Auf keinen Song trifft das derart zu wie auf «True Love Waits». Die ergreifende Liebesballade spielt die Band schon seit über 20 Jahren bei ihren Konzerten, 2001 erschien ein Mitschnitt auf der Live-CD «I Might Be Wrong». Eine Studioversion wurde aber erst jetzt eingespielt, sie landete als Schlusssong auf «A Moon Shaped Pool».

Das ist kein Zufall. Yorke hat sich während der Aufnahmen zum Album nach über zwanzig gemeinsamen Jahren von seiner Lebenspartnerin getrennt – «in aller Freundschaft», wie er bekannt gab. Und so klingt «True Love Waits» in der Studiofassung, wo Yorks Gesang neu von einer simplen Pianomelodie statt einer akustischen Gitarre begleitet wird, nicht mehr nach einem verzweifelten Wehklagen, sondern nach resoluter Akzeptanz: «Wahre Liebe wartet / in heimgesuchten Dachböden / wahre Liebe lebt / von Lollipops und Chips.» Und auf dem folkigen «Desert Island Disk» gelangt Yorke zur Einsicht, dass verschiedene Arten von Liebe möglich seien.

Frieden geschlossen

So traurig die Songs auf «A Moon Shaped Pool» anmuten: Thom Yorke hat seinen Frieden geschlossen mit Verlust und Trennungsschmerz. Er blickt in den Abgrund des Weltuntergangs, träumend, tanzend und ohne mit der Wimper zu zucken. Ist es Zufall oder nicht, dass das erste gesungene Wort auf dem Album «Stay» lautet und das letzte «Don’t leave»? Radiohead ziehen mit «A Moon Shaped Pool» einen Kreis um ihre Karriere und um ihre Hörer. Ein Kreis, der einlädt zum Verweilen, zum Träumen und zum Trösten.

Radiohead: A Moon Shaped Pool

Bewertung: 4 von 5 Sternen

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