Neues Album von Bob Dylan: Rau und rüpelhaft ist nur der Titel

«Rough And Rowdy Ways» ist das 39. Album von Bob Dylan. Es ist so grandios, als wär’s sein letztes.

Steffen Rüth
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Bob Dylan, 79, singt im neuen Album viel über den Tod – aber nicht über das eigene Ende.

Bob Dylan, 79, singt im neuen Album viel über den Tod – aber nicht über das eigene Ende.

Bild: AP/Keystone (Los Angeles, 12. Januar 2012)

Dieses Album ist eine Überwältigung, und zwar im positiven Sinne. So viele Worte, so viele Anspielungen, so viele Allegorien, so viele Metaphern sind selbst für den Altmeister selten. Bob Dylan spickt seine Lieder fast bis zum Bersten mit Referenzen an zumeist, aber nicht ausschliesslich, verblichene Weggefährten und Vorbilder aus Kunst, Kultur, Philosophie und Zeitgeschehen.

Man kann kaum folgen bei den ganzen Namen, die er entlang der 71 Minuten, die «Rough And Rowdy Ways» dauert, fallenlässt. Edgar Allen Poe, Martin Luther King, Jack Kerouac, Allen Ginsberg, Elvis Presley finden genauso Erwähnung wie fiktionale Charaktere vom Schlage eines Victor Frankenstein, Al Pacinos «Scarface» und Marlon Brandos «Pate».

Die Texte eines Literaturnobelpreisträgers

Wie der vielleicht legendärste lebende Musiker überhaupt etwa im vergleichsweise dunkel schattierten Blues «My Own Version Of You» aus einzelnen Körperteilen eine verloren gegangene Geliebte zusammensetzt, bevor diese ohnehin schon absurde Monstergeschichte dann irgendwie noch Shakespeares «Hamlet», den Geburtsmythos der Vereinigten Staaten sowie Freud, Marx und Sinatra aufgreift, das erfordert und kitzelt beim Enträtseln und Verknüpfen dieser Grosspoesie dann schon die hohe Kunst der Dylan-Expertise. Der Mann aus Minnesota mit Hauptwohnsitz in Malibu ist schliesslich Literaturnobelpreisträger – 2016 gewann er die Auszeichnung, auf die er mit einer Mischung aus Reserviertheit und Stolz blickt. Je tiefer man eintaucht in dieses, sein 39. Studioalbum, desto klarer wird, warum.

Englisch-Nachhilfe inbegriffen

Wer mag, kann sich inhaltlich sehr, sehr lange mit diesem Werk befassen, Wikipedia dabei am besten stets griffbereit haben und sich selbst dabei zuschauen, wie man immer schlauer wird und mutmasslich mehr dank dieser Lieder lernt als in einem Schuljahr Englisch-Leistungskurs. Vollständig entschlüsseln wird man Dylans Lyrik dabei trotzdem nicht.

Die Auftaktballade «I Contain Multitudes» (frei übersetzt: «Ich bin viele») bietet ja schon Stoff für Wochen. Dylan wälzt sich in diesem Song, dessen Titel übrigens aus einem Gedicht des US-Dichters Walt Whitman entnommen ist, voller Wonne in den eigenen Widersprüchlichkeiten («I’m a man of contradictions/ I’m a man of many moods»).

«I’m a man of contradictions/
I’m a man of many moods»

Dabei benennt er auch Schwächen wie Eitelkeit («I fuss with my hair») und Untreue («all the pretty maids»), freilich ohne sich dafür zu entschuldigen («I have no apologies to make»), vollbringt das Kunststück, Anne Frank, Indiana Jones und die Rolling Stones in einem Vers unterzubringen und stellt in Aussicht, auch noch Beethovens Sonaten und Chopins Präludien zu spielen. Ganz grosse Kunst, dieser Song.

Ohne Nuscheln und aus Überzeugung nostalgisch

Oder aber, das ist ja auch nicht verboten, man macht sich locker und hört Bob Dylan nebst seiner natürlich exquisiten, dieses Mal eher zurückhaltend agierenden Band einfach nur zu. Die Songs auf «Rough And Rowdy Ways», Dylans erstem Album mit Eigenkompositionen seit «Tempest» 2012 (dazwischen lagen drei Platten mit Interpretationen von Liedern des American Songbook), sind schlichtweg grandios. Zumindest die meisten. Rau und rüpelhaft ist die Platte mitnichten, sondern sehr melodisch, warm und – zumindest soweit man diesen Begriff mit dem menschlich eher sperrigen Dylan assoziieren kann – einschmeichelnd. Die melancholischen Lieder sind die schönsten.

Da ist das erhabene, wohlig atmosphärische Neuneinhalbminutenstück «Key West (Philosopher Pirate)» und das wunderbar traurig klingende «Mother Of Muses», auf dem Bob Dylan stimmlich klar singt wie selten. Überhaupt hält sich sein notorisches Nuscheln auf der ganzen Platte auffällig in Grenzen. Einfach unheimlich schön und bereits im Titel betörend, ist das Liebeslied «I’ve Made Up My Mind To Give Myself To You».

Zieht Dylan das Tempo an, landet er in der Regel beim Blues – wie immer verwoben mit Rock’n’Roll, Gospel, Country, Folk und Americana. «Goodbye Jimmy Reed» huldigt dem 1976 verstorbenen Bluesmann, zu «False Prophet» kann man denn auch mal die Sorte Tänzchen wagen, die auf dem Albumcover in Szene gesetzt ist. Musikalisch bedient sich Dylan der Genres und Inspirationen, derer er sich seit seinem Débutalbum vor 58 Jahren bedient. Natürlich ist das nicht modern, sondern tief und aus Überzeugung nostalgisch.

Bob Dylan ist ein alter Mann. Gesundheitlich geht es ihm nach den schwierigen Neunzigern soweit gut und es gibt keine Anzeichen, dass das neue auch sein letztes Album sein könnte. Doch der Tod ist ein allgegenwärtiger Gefährte auf «Rough And Rowdy Ways». «Murder Most Foul», die 17 Minuten lange Vorab-Single, die in der physischen Version des Doppelalbums einen eigenen Tonträger besetzt, dreht sich in vielen – mehr gesprochenen als gesungenen – Worten um die Ermordung John F. Kennedys.

Noch ist der Tod eine abstrakte Idee

In «Crossing The Rubicon», dem knarzigsten Stück der Platte, bereitet sich Dylan kontemplierend auf die letzte Reise vor. Im schwarzhumorigen, musikalisch unweit eines morbiden Flamencos angesiedelten «Black Rider» steht der Gevatter quasi schon auf der Matte und Dylan singt in gelassenem Tonfall «If there ever was a time then let it be now», also etwa «Bringen wir es hinter uns, Sportsfreund».

Im einzigen Interview zur neuen Platte in der «New York Times» sagte er, dass er über das Ende der menschlichen Rasse als solche nachdenke. Der Tod sei für ihn etwas Allgemeines, Abstraktes. Auf sich persönlich beziehe er die Gedanken an das Sterben nicht. So lange Bob Dylan weiterhin solche vor Lust und Leben strotzende Platten wie «Rough And Rowdy Ways» gelingen, besteht dazu auch wenig Anlass.

Bob Dylan «Rough And Rowdy Ways», Columbia Records.