Neues Album von Remo Helfenstein: melancholisch, konzeptuell und vielschichtig

Der Luzerner Remo Helfenstein zeigt sich auf seinem Solodébut «Comforting Katharina» experimentierfreudig. Der Berner Samuel Reinhard zieht in seinem Soloprojekt unter dem gleichen Label mit Klavier-Arrangements nach.

Stefan Welzel
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Der Einstieg ist sanft, melancholisch und sehr verträumt. Auf einer Synthiewolke schwebt Remo Helfensteins sonore Stimme in Gospelmanier in unser Gehör. Mit diesem sakral anmutenden Song («What A Friend») bildet der Luzerner den Auftakt zu seinem ersten Soloprojekt mit dem Titel «Comforting Katharina».

Der 39-jährige Helfenstein hat sich die vergangenen rund zehn Jahre vor allem als Sänger und Frontmann der New-Wave-Band Les Yeux Sans Visage einen (sehr guten) Namen gemacht. Nun hat er sich die Zeit «und den Luxus» genommen, ein spezielles Experiment in Angriff zu nehmen.

Ganz am Anfang zu seinem aktuellen Alleingang stand eine Zusammenarbeit mit der Theaterperformerin Beatrice Fleischlin, für die er vor rund zwei Jahren im Rahmen einer «Südpol»-Produktion das Sounddesign übernahm. Helfenstein entdeckte eine Dynamik, die er bisher so nicht kannte. «Wenn man auf sich allein gestellt ist, tritt man ständig in einen inneren reflektierenden Monolog. Das fordert heraus, ist aber auch unheimlich spannend», erklärt Helfenstein den zurückliegenden Prozess. Herauskamen im Luzerner Label Präsens Editionen fünf ganz unterschiedliche, äusserst vielseitige Stücke. Eine klare Einordnung fällt schwer, denn Helfenstein mischt Ambient mit Neofolk, Synthiepop mit Gospel und verliert dabei nie ganz den Bezug zu seinen Dark-Wave-Wurzeln, die er einst mit Les Yeux Sans Visage geschlagen hatte. 

Bekannt geworden mit seiner Band Les Yeux Sans Visage – nun gerade solo unterwegs: der 39-jährige Luzerner Remo Helfenstein.

Bekannt geworden mit seiner Band Les Yeux Sans Visage – nun gerade solo unterwegs: der 39-jährige Luzerner Remo Helfenstein.

Bild: PD/Livio Burtscher

Konzeptueller Charakter

Gerade im Song «Katharina» ist die Reminiszenz an diesen Ursprung am deutlichsten zu spüren. Helfenstein spielt dabei Gitarre wie in einer Elvis-Presley-Ballade, dazu passt seine Bassstimme perfekt. Das ist schön und lässt von romantischen Ausfahrten im Oldtimer-Chevy auf verregneten Küstenstrassen träumen. Gleichzeitig – und das ist das Faszinierende am Helfensteins Soloprojekt – läuft die experimentelle Schiene aber weiter. Es zischt und knarrt und hallt im Hintergrund. Der konzeptuelle, avantgardistische Charakter dominiert durch das ganze Album hindurch. «Es war immer klar, dass es nicht aus einem Guss daherkommen wird und die verschiedensten Stile darin im Zusammenspiel und gleichzeitig nebeneinander funktionieren sollen», sagt Helfenstein.

Gearbeitet hat er dabei mit alten Vier-Spur-Kassettenrekordern, mit denen er manuell die verschiedenen Sounds arrangierte. Diese spezielle technische Grundlage bildete den Spielplatz, auf dem sich Helfenstein in alle Richtungen hin ausgetobt hat. Diese «absolute künstlerische Freiheit» hat sich ausbezahlt in einem kleinen, sehr gelungenen Konzeptalbum. Die Songs knüpfen aneinander an. Doch gleichzeitig bildet jeder für sich ein geschlossenes Kapitel mit einem breiten Klangfächer, der in unterschiedlichste Sphären ausschert.

Samuel Reinhard: Piano mit digitalem Klangteppich

Eine ähnlich verträumte, wenn doch sehr viel gleichmässigere und klassisch ausgerichtete Atmosphäre erschafft der Berner Samuel Reinhard. Er ist ein weiterer Solokünstler, der diesen Frühling bei Präsens Editionen ein (Konzept-)Album herausbringt. Seine vier Pianostücke auf «Miniatures» sind mit digitalen Arrangements unterlegt. Ein Rauschen wie ein heftiger Sommerregen bildet den Teppich, auf dem sich das Klavierspiel mit elektronischen Einsprengslern zu dichten Wiederholungen aufschwingen, ehe sie sich wieder auflösen wie Schaumkronen auf dem Ozean. Einem Ozean, in dem unter der Oberfläche ein satter Strom eine meditative Stimmung hinzaubert, der man sich nicht entziehen kann, sobald er einen mitreisst.

Remo Helfenstein: «Comforting Katharina», Samuel Reinhard: «Miniatures», beides bei Präsens Editionen, www.praesenseditionen.ch