Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

NEUES BUCH: «Hier werden Deutsche winzig»

Welches Bild haben die Deutschen von uns Schweizern? Ein ziemlich falsches, findet der Berliner Christian Eisert. Und versucht, es zurechtzurücken.
Interview Dominik Buholzer
Furchtlos wagte er sich ins Land von Wilhelm Tell: der deutsche Satiriker Christian Eisert. (Bild: Ullstein extra)

Furchtlos wagte er sich ins Land von Wilhelm Tell: der deutsche Satiriker Christian Eisert. (Bild: Ullstein extra)

Wirklich?

Eisert: Ja. Ich kenne es nicht aus Deutschland, in Tram oder Bus zu steigen und an der Endstation wünscht der Fahrer noch einen guten Tag. Nach einem Restaurantessen streiten Schweizer darüber, wer die Rechnung begleichen darf. Bot mir ein Schweizer an: «Ich zahle», habe ich anfangs gesagt: «Oh, vielen Dank, wie nett», statt erst mal zu widersprechen. Inzwischen weiss ich, das kam nicht gut an. Wenn ich Schweizern ein Mail schreibe, dann übertreibe ich es mittlerweile für deutsche Verhältnisse mit der Höflichkeit, weil ich sonst das Gefühl habe, dass ich nicht höflich genug bin.

Drehen wir den Spiess und reden wir über die Deutschen. Ich habe den Eindruck: Egal, was wir auch tun, wir können es den Deutschen nie recht machen. Weshalb?

Eisert: Viele Deutsche gehen von der falschen Vorstellung aus, die Schweiz sei eine Art Süddeutschland. Gleiche Sprache, gleiche Produkte im Supermarkt. Die anderen Sprachgruppen nehmen wir gar nicht wahr. Und dann gehen die Deutschen in einen Aldi, und es fängt bei den Preisen an. Ich habe auf meiner Reise ein Plakat gesehen, da wurde ein Mindestlohn von 5500 Franken für Maurer gefordert. Euro und Franken stehen fast eins zu eins zueinander. Damit sind 5500 Franken beinahe das Doppelte des durchschnittlichen deutschen Bruttolohns. Dann gibt es einen weiteren Irrtum: Viele Deutsche meinen, sie würden Mundart verstehen. Dabei merken sie nicht, dass ihr Gegenüber Hochdeutsch mit Schweizer Akzent spricht (lacht).

Sie wollen damit sagen, das Verhältnis zwischen Deutschen und Schweizern beruhe auf Missverständnissen?

Eisert: Sage ich in Deutschland, ich habe ein Buch über die Schweiz geschrieben, dann antworten die Leute mit: «Hmm ... schön.» Sie glauben, sie wüssten schon alles über die Schweiz. Anders bei meinem Buch über meine Reise durch Nordkorea. Da war die Resonanz viel grösser.

Die Schweiz ist den Deutschen egal.

Eisert: Es macht ein wenig den Eindruck. Ich bedaure das. Deshalb sehe ich es als meine Mission an, den Deutschen zu vermitteln: Die reale Schweiz ist ein wahnsinnig aufregendes Land.

War wegen solcher Missverständnisse das Verhältnis zwischen den beiden Ländern in den vergangenen Jahren nicht unbedingt das beste?

Eisert: Gut möglich. Man spricht auch nie von «unseren Schweizer Freunden». Die Freundschaft betonen wir bei Franzosen und Polen.

Weshalb?

Eisert: Wir haben gegenüber den Schweizern nicht so viel gutzumachen wie gegenüber Frankreich und Polen.

Als Deutscher können Sie in der Schweiz schon mal beschimpft werden. Das haben Sie selber erlebt.

Eisert: Ich will das nicht überbewerten. Der Mann hatte ziemlich getrunken. Aber es gibt diese Deutschland-Feindlichkeit. Das ist für uns etwas Ungewohntes. Wir sind sonst ja weltweit sehr beliebt.

Das meint ihr.

Eisert: Im Selbstverständnis der Deutschen ist das so. Als Urlauber oder Investoren mag man uns, weil wir damit ja auch Jobs schaffen. Überall können wir mit unseren Euro rumprotzen. Nur in der Schweiz werden wir ganz klein.

Kommen wir noch auf was ganz anderes zu sprechen: den Fussball. Die Europameisterschaft steht vor der Tür. Es steht ausser Zweifel, dass die Deutschen besser sind als die Schweizer. Was trauen Sie unserer Nati zu?

Eisert: Sie wird die Vorrunde überstehen. Ich bin mir da sehr sicher ... Ich will, dass das so ist. Interessant wird es, wenn die Schweiz auf Deutschland trifft. Ich glaube, das würde mich in einen echten Interessenkonflikt bringen ... Nein, Moment, so weit geht meine Schweiz-Liebe dann doch nicht (lacht).

Zum Schluss: Wann kommen Sie das nächste Mal in die Schweiz?

Eisert: Schon bald: Ende Juli! Und im Herbst will ich einige Lesungen in der Schweiz abhalten. Wenn ich nach Luzern komme, sag ich sofort Bescheid.

Interview Dominik Buholzer

Herr Eisert, Sie haben sich intensiv mit der Schweiz auseinandergesetzt. Das Interview wird in der Zeitung in Hochdeutsch erscheinen. Aber können wir uns in Mundart unterhalten?

Christian Eisert: Ich masse mir nicht an, Mundart zu sprechen. Noch nicht. Aber Sie können mir gerne Ihre Fragen in «Buuretütsch» stellen.

Echt?

Eisert: Ja, ich verstehe die meisten Schweizer Mundarten. Ich habe diesbezüglich anscheinend einen genetischen Defekt oder ganz einfach ein Talent für Dialekte (lacht).

Sie sind wochenlang durch die Schweiz gereist und haben darüber ein Buch geschrieben. Jetzt mal ehrlich: Wie hat es Ihnen bei uns gefallen?

Eisert: Sehr gut. Ich bin zu einem richtigen Schweiz-Fan geworden.

Wirklich?

Eisert: Sie können mir ruhig glauben.

In der Schweiz ist alles eine Spur kleiner, ruhiger. Das ist nicht Mallorca. Was hat Ihnen denn bei uns besonders gut gefallen?

Eisert: Mich beeindruckte die Vielfalt, die man auf so kleinem Raum erleben kann. Die Schweiz ist ja kleiner als Niedersachsen. Aber in der Schweiz werden vier Sprachen gesprochen, und jede davon ist offiziell Landessprache. Nicht zu verwechseln mit Amtssprache. Das sind ja nur drei. Typisch Schweiz, diese feinen, kleinen, aber wichtigen Unterschiede! Die Bevölkerung definiert sich ausserdem viel stärker als in anderen Staaten über die Region, in der sie lebt. Es ist wahnsinnig wichtig, aus welcher Region man kommt, und gleichzeitig gibt es diesen starken übergreifenden Landespatriotismus.

Und was hat Ihnen an der Landschaft gefallen?

Eisert: Die schneebedeckten Berge. Und wenn Sie ins Tessin gehen, finden Sie sogar Palmen. Noch beeindruckender waren für mich die weiten Ebenen, die man in Mittelland und Westschweiz, dem Rücken des Wildschweins, entdeckt ...

... Wildschwein?

Eisert: Die Schweiz erinnert mich in ihrer Form stark an ein Wildschwein (lacht). Graubünden bildet Nase und Unterlippe, Schaffhausen liegt im Ohr. Das Tessin bildet die Vorderbeine, das Wallis die Hinterbeine, und Lausanne ist – Verzeihung, aber es ist nun mal so – im ­A...sch. O weh, ich befürchte, das wird man mir sehr übel nehmen. Dabei meine ich es liebevoll. Um auf den Rücken des Wildscheins zurückzukommen ...

Da habe ich Sie unterbrochen.

Eisert: Diese Weite hat mich fasziniert. Das ist so gar nicht das Bild, das man von der Schweiz hat, die man ja üblicherweise mit überwältigenden Berglandschaften verbindet. Und dann die Seen, auf die man überall stösst. Die Schweiz ist ja ein riesiges Badeland. Überall kann man problemlos ins Wasser springen und – je nach Strömung – von den Behörden ungehindert ertrinken. In einigen Städten muss man nicht einmal Eintritt für das Freibad bezahlen. Das kennt man in Deutschland gar nicht. Die Schweizer überraschten mich ausserdem mit ihrer Leichtigkeit.

Das haben Sie jetzt aber schön gesagt. Das tut uns gut. Wir gelten ja sonst immer als verklemmt.

Eisert: Ich benutze das Wort ganz bewusst nicht. Wenn man sich auf die Schweizer einlässt, stellt man schnell fest, dass das mit der Verklemmtheit nicht stimmt. Im Gegenteil. Die Schweiz war eines der ersten Länder Europas, das Prostitution legalisierte. Und zwar ab 16 Jahren! Das Mindestalter wurde erst 2014, unter anderem auf Druck der EU, auf 18 Jahre angehoben. Wobei ich gar nicht diese durchaus diskutable Freizügigkeit meine, sondern die Leichtigkeit in der Lebensart. Die Festivals, die Sommerabende am Zürichsee, das Schwimmen in der Stadt. Diese Entspanntheit gilt sogar für die Landesverteidigung. Mir war die enorme Bereitschaft der Schweizer, ihr Land zu verteidigen, nicht so bewusst. Ich sass in einer Regionalbahn nach Brunnen, als einige Soldaten mit Sturmgewehren über der Schulter zustiegen, und niemand zeigte eine Reaktion. Alle in der Bahn taten, als sei es das Natürlichste der Welt.

Das kennen Sie so in Deutschland nicht?

Eisert: Nein, das gibt es so bei uns nicht. Schon bei dem Gedanken, es könnte jemand mit einem Sturmgewehr in den Zug einsteigen, fallen wir tot um. Wir kennen ja auch keine Schutzkeller.

Andere Frage: Was hat Sie an der Schweiz gestört?

Eisert: Mir werden die Klischees zu sehr bedient, gerade im Tourismus mit dem Heidiland beispielsweise. Und die Schweizer zeigen zuweilen eine widersprüchliche Haltung. Sie haben keine Probleme damit, mit allen möglichen ausländischen Herrschern und Diktatoren Geschäfte zu machen, beklagen sich dann aber gleichzeitig über die vielen Auswärtigen. Oder über den Verkauf ihrer Heimat. Dabei sind es ja sie, die das Land verkaufen. In Gstaad ist mir das sehr deutlich geworden, als eine Gstaaderin darüber klagte, dass es kaum noch Einheimische im Ort gäbe. Und dann stellte sich heraus, ihr Mann war einer der grossen Gstaader Immobilienmakler.

Worauf führen Sie diese Ambivalenz zurück?

Eisert: Die Schweiz muss seit Jahrhunderten immer ums Überleben kämpfen, das Land verfügt ja über keine Rohstoffe, die es reich machen würden, und ist umzingelt von grossen Ländern. Im Ausland ist sie vorwiegend bekannt für ihre Uhren, die Schokolade und den Käse, aber nicht für grosse Maschinen, obwohl diese auch produziert werden. Ihre wirtschaftliche Macht erlangte die Schweiz im Wesentlichen durch Immaterielles: das Schweigen. Stichwort Bankgeheimnis, Neutralität.

In jüngster Zeit gibt es in Deutschland immer mehr Politiker, die auf die Vorzüge des Schweizer Politsystems verweisen. Spüre ich da einen gewissen Neid?

Eisert: Mit Blick auf Österreich muss ich sagen: Manchmal hat es auch Vorteile, wenn man das Staatsoberhaupt nicht direkt wählen kann. Das ging ja knapp am rechten Rand vorbei. Das Schweizer Politsystem ist natürlich schon faszinierend. Dieses Mitbestimmungsrecht ist einzigartig. Die Schweiz gilt laut dem «World Happiness Report» nicht umsonst seit Jahren als eines der glücklichsten Länder. Das Gefühl, politisch mitbestimmen zu können, macht glücklich. Allerdings habe ich bei meiner Reise durch die Schweiz auch immer wieder gehört, man stimme über jeden Käse ab.

Das Schweizer Politsystem als Vorbild für andere Länder?

Eisert: Ich weiss nicht, ob sich dies einfach so auf andere Staaten übertragen lässt. Ich glaube, in der Schweiz funktioniert es auch, weil es mit einem jahrhundertealten Selbstverständnis zu tun hat: Letzten Endes steht über allem die Schweiz.

Wie meinen Sie dies?

Eisert: In Deutschland käme es beispielsweise niemandem in den Sinn, die Deutschland-Flagge auf ein Pack Rüebli zu kleben. In der Schweiz aber schon, weil es auch als ein Qualitätsmerkmal gilt: produziert in der Schweiz. Swissness geht über alles. Das fand ich faszinierend, genauso – und das muss ich jetzt loswerden – die Höflichkeit der Schweizer.

Bestsellerautor und Schweiz-Reisender

zur person bu. Christian Eisert (39) stammt aus Berlin und ist TV-Autor, Satiriker und Comedy-Coach. Er arbeitet beziehungsweise arbeitete mit Stars zusammen wie Harald Schmidt, Oliver Pocher, Kaya Yanar, Ingo Appelt oder Mike Krüger. Eisert veröffentlichte zahlreiche Bücher. Sein letztes Buch «Kim und Struppi – Ferien in Nordkorea» stand 15 Monate auf der «Spiegel»-Bestsellerliste. In diesem Jahr ist von Eisert im Verlag Ullstein extra erschienen: «Viele Ziegen und kein Peter». Das Buch handelt von Eiserts Reise durch die Schweiz und steht hierzulande auf der Sachbuch-Bestsellerliste.

Hinweis: Weitere Informationen zu Eisert, auch zu seinen Lesungen, gibt es im Internet unter: www.christian-eisert.de

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.