Neues Musical «Heiweh-Fernweh»:
Schweizer Hits und dünne Story

«Heiweh-Fernweh» bringt guten Sound auf die Bühne der Messehalle in  Luzern. Doch es fehlt an erzählerischer Raffinesse.

Roman Kühne
Hören
Drucken
Teilen
Bo Katzmann ist das Aushängeschild der neuen Produktion aus der Feder von Max Sieber.

Bo Katzmann ist das Aushängeschild der neuen Produktion aus der Feder von Max Sieber.

Bild: PD

Es ist vielleicht die Ironie dieser Nacht. Ausgerechnet ein englischer Titel entlockt dem Premierenpublikum des Musicals «Heiweh-Fernweh» den grössten Applaus in der Halle 1 der Messe Luzern auf der Allmend. Es war der Song «Heaven» von Gotthard, der ­49 Wochen in den Schweizer Charts stand. Eigentlich setzt das neue Musical primär auf Schweizer Mundarthits. Dodo mit «Hippie Bus», «Rosalie» von Bligg oder «Heitere Fahne» von Trauffer. Diese Lieder sind der starke Teil des Abends.

Wenn Bo Katzman – das Aushängeschild der Produktion – und seine Tochter Ronja Borer «Lauensee» von Span singen, dann ist dies ein romantischer Seelenwärmer. Auch der grosse Sommerhit «079» von Lo & Leduc, interpretiert vom ausgezeichneten Gianmarco Rostetter, verfehlt seine Wirkung nicht. Natürlich, ein solches Konzept, die Aneinanderreihung von bekannten Schweizer Songs zum Mitschunkeln, ist nicht neu. Das Musical «Ewigi Liebi» hat erfolgreich vorgemacht, wie es funktioniert. Gleich mehrere dieser Songs sind nun auch in «Heiweh-Fernweh» zu hören. Auf den «Schwan» oder «Ich hätt no viel blöder ta» – Letzteres gesungen von Bo Katzman, mit Schalk und Witz – kann offenbar auch ein aktuelles «Best of Swiss Music» nur schwer verzichten.

Tanz überzeugt

Zwar hat die Gestaltung dieser Nummern an diesem Abend noch Luft nach oben. Die Wiedergaben von «Vierwaldstättersee» oder «Nadisna» haben stimmlich und teils auch in der Intonation durchaus Verbesserungspotenzial. Doch diese Stücke sind der Höhepunkt des Abends. Die Band spielt routiniert, liefert den passenden Sound zwischen Romantik und Rock.

Farbtupfer werden vor allem von den Tänzern gesetzt. Die Choreografie von Curtis Burger, bei DJ Bobo Mitglied des Kreativteams sowie sein persönlicher Choreograf, ist modern, an den Hip-Hop angelehnt und stimmig. Am Schluss wird zu «Race» (Yello) ein Feuerwerk entfacht. Die Gestaltung des Bühnenbilds, aufwendig gebaut, widerspiegelt wohl vor allem Publikumserwartungen. Eine Bar, ein paar bunte Häuser, etwas blauer Himmel und Strandfeeling. Mittels einer Drehbühne wird, je nach Bedarf, ein Massagesalon oder eine Restaurantfront eingedreht.

Schlaffe Erzählung

Dieses solide Setting wird aber leider von der Story unterflogen. Regisseur und Drehbuchschreiber Max Sieber bringt eine Nicht-Geschichte auf die Bühne. Es ist eine Abfolge von Momenten, die kaum einen Übergang zwischen den einzelnen Songs schaffen. Das Hippie-Klischee, die Eröffnung eines Massagesalons oder der Einfall mit einer Hanf-Plantage sind dann doch zu trivial, unterschätzen die Aufnahmefähigkeit des Publikums. Auch die Texte zeigen selten Raffinesse oder Witz. Beispiele: Der «Gag» mit den Militärguetzli aus dem Weltkrieg, die man mit Hanf anreichert, bis hin zum Rauch in der Küche («Da herrscht heute dicke Luft») – der Humor könnte definitiv frischer sein. Hier fehlt die Spritzigkeit und Energie.

Im Publikum wird vor allem gelacht, wenn die «eigenen» Schauspieler auf der Bühne stehen, die von ihrem jeweiligen Fan-Club begeistert unterstützt werden. Am Ende herrscht eine gute Stimmung im Saal. Zurück bleibt aber ein Abend mit ­gemischten Eindrücken. All die bekannten Lieder, der gute Sound bringen durchaus Emotionen auf die Bühne. Doch die Story überzeugt nicht. Vielleicht bringt der erste Satz des Programmheftes den Abend am besten auf den Punkt. Es gilt «ein paar unbeschwerte und vor allem beschwingte Momente zu erleben».

Musical «Heiweh-Fernweh», bis Montag, 6. Januar 2020, Halle 1, Messe Luzern. www.heiwehfernweh.ch

* In einer ersten Version haben wir irrtümlich vermeldet, Bo Katzman habe den Song «Heaven» dargeboten. Zudem war der Name von Curtis Burger falsch geschrieben. Auch scheint der Song "Scharlachrot" zwar im Programmheft auf, wurde aber nicht gesungen.