NEUJAHRSKONZERTE: Eine Visitenkarte für das Vollprogramm des Orchesters

Das Luzerner Sinfonieorchester löste unter James Gaffigan gängige Erwartungen originell ein. Und spielte mit dem Cellisten Steven Isserlis als Solisten und Dirigenten alle Möglichkeiten als Hausorchester des KKL durch.

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Hellhöriger Cellist: Steven Isserlis vorgestern im KKL. (Bild: Pius Amrein)

Hellhöriger Cellist: Steven Isserlis vorgestern im KKL. (Bild: Pius Amrein)

Das Etikett «Neujahrskonzert» wird für KKL-Konzerte inflationär verwendet. Da stellt sich jedes Jahr die Frage, ob das Luzerner Sinfonieorchester den Reigen gleich mit zwei Neujahrskonzerten eröffnen muss.

Noch nie konnte man sie so klar bejahen wie dieses Jahr. Erstmals nämlich bildeten die beiden Konzerte vom Neujahrstagabend und von gestern Morgen ein Gespann mit starkem Kontrast und Bezug. Und diesen verdankten sie auch dem Cellisten Steven Isserlis, der als Solist und erstmals als Dirigent beide Male eine zentrale Rolle spielte.

Das Recht der ersten Nacht freilich gehörte Chefdirigent James Gaffigan, der beide Programme als Visitenkarte für sein Orchester gestaltete. Am Sonntag bewies er mit einem russischen Programm, wie man selbst Neujahrskonzert-Erwartungen originell einlösen kann: mit einer Polonaise von Anatoli Ljadow, in der das prachtvolle Blech musikalisch die Korken knallen liess. Das galt zwar auch für die zweite Sinfonie von Alexander Borodin. Aber diese entpuppte sich in ihrer Mischung von russischer Archaik und säbelrasselnder Rhythmik als veritable Entdeckung. Und stellte mit dem als dramatische Opernszene gestalteten Andante die Klangqualitäten des Orchesters so differenziert wie leidenschaftlich heraus. Ein Höhepunkt gleich zum Jahresauftakt.

Eine Novität: Cello spielender Dirigent

Die Pointe war, dass die von Steven Isserlis virtuos hingetänzelten Rokoko-Variationen von Tschaikowsky stilistisch eine Brücke bauten zum zweiten Konzert. Da spielte das Orchester in Kleinformation frühe Klassik, wobei Isserlis zum Schluss Haydns Sinfonie «Maria Theresa» am Cello mitspielend – sitzend mit dem Rücken zum Publikum – dirigierte.

Das schlanke, aber wenig griffige Klangbild zeigte, dass das Orchester hier stilistisch weniger zu Hause ist als mittlerweile in grosser Sinfonik. Aber zur Visitenkarte wurde das Programm, weil es alle Möglichkeiten eines LSO-Vollprogramms durchspielte – vom Duo (ein Neujahrskonzert-Schmankerl: Hummels «God Save the King» mit Isserlis und Konzertmeisterin Lisa Schatzman) über feinsinnig musizierte Kammermusik (Boccherinis Cello-Konzert Nr. 7) bis zum heftigen Sturm und Drang von Carl Philipp Emanuel Bachs A-Dur-Konzert: ein zweiter Höhepunkt, bei dem über alle Galanterien hinaus der Funke übersprang zwischen dem Solisten und dem Orchester.

 

Urs Mattenberger

urs.mattenberger@luzernerzeitung.ch