Bernhard Schlinks wunderbare neue Erzählungen: Neun Abschiede und ein paar Schuldgefühle

Seit dem Roman «Der Vorleser» lotet Bernhard Schlink den Zwiespalt der Erinnerung aus. Brillant auch in neuen Erzählungen. «Abschiedsfarben» ist ein breit gefächertes, wunderbar erzähltes, kluges, leicht melancholisches Buch.

Hansruedi Kugler
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Bernhard Schlink.

Bernhard Schlink.

Bild: Alberto Venzago / © Diogenes Verlag

Seine Figuren stellen sich im neuen Erzählband selbst vor ein moralisches Gericht: Habe ich in der Freundschaft versagt? War ich in der Liebe zu feige, zu egoistisch, zu selbstgefällig? Oder wurde ich nur benutzt? Seit dem epochalen Bestseller «Der Vorleser» aus dem Jahr 1995 stellt Bernhard Schlink immer wieder die Vergangenheitsschuld ins Zentrum seiner Erzählungen. Unvergessen das moralische Dilemma des «Vorleser»-Jugendlichen, dessen ältere Geliebte später als Nazi-Mittäterin vor Gericht steht.

Bernhard Schlink, Jahrgang 1944, Jurist im Erstberuf, ist aber zum Glück nicht auf die politisch-historische Vergangenheitsbewältigung abonniert. In «Abschiedsfarben» lässt er seine jeweils 70-jährigen Erzähler mit ihren Erinnerungen in einen Strudel widersprüchlicher Gefühle auf zerbrochene Liebesbeziehungen und Freundschaften zurückblicken. Es sind private Vergangenheitsbewältigungen, Abschiede, die keineswegs auf deutsche Verhältnisse reduziert werden können.

Einmal deutsche Vergangenheit genügt

Lediglich in der Eröffnungserzählung stellt er seine Figuren in das von aussen aufgenötigte Dilemma der Loyalität zwischen DDR und BRD. Sie ist zugleich literarisch die vielschichtigste: Ein Rechtfertigungs- und Abschiedsmonolog eines DDR-Informatikers, der seinen gerade verstorbenen besten Freund Andreas, der in die BRD flüchten wollte, vor vielen Jahren heimlich an die Stasi verraten hatte. Danach aber hatte er Andreas beruflich gefördert und blieb mit ihm eng befreundet. Er hätte das Leben in der BRD ohnehin nicht geschafft, rechtfertigt er sich. Ein Bekenntnis, eine Aussprache hat aber nie stattgefunden.

Brillant, wie Schlink die Vorgeschichte allmählich enthüllt, überraschende Wendungen und eine forschende Andreas-Tochter einbaut und seinen Erzähler Egoismus, Feigheit und Fürsorglichkeit abwägen lässt. Mit seinem offenen Ende überlässt er dem Leser zum Glück die allfällige moralische Beurteilung. Dass Menschen ohne diese moralischen Selbsturteile nicht leben können, zeigt Schlink genauso wie die Einsicht, dass der Vorsatz, selbst in Freundschaft und Liebe immer mutig, klug und aufrichtig zu sein, eine Überforderung ist.

Kultiviert und mit Zartgefühl erzählt

Man mag sich an den passiven bis feigen, vordergründig gutmütigen Männern stören. Der erzählerische Trick aber ist, dass sie durch zufällige Ereignisse gezwungen werden, Lebensbilanz über prägende und verstörende frühe Erlebnisse zu ziehen. Bewundernswert, mit welcher Reife und Lebenserfahrung, mit welchem Zartgefühl Bernhard Schlink schreibt und einen kultivierten, gleichzeitig leichten Erzählerton findet. Und sich in riskante Gebiete vortastet: Etwa in der Erzählung «Picknick mit Anna», in der der Erzähler den Mord an einer jungen Frau beobachtet, ohne Hilfe zu leisten. Einer Frau, der er wie Pygmalion Kultur und Bildung beigebracht hatte, aber gekränkt in Rachefantasien versinkt, weil sich Anna mit einem jungen, gewalttätigen Macho herumtreibt.

Solche vertrackten Gefühlsknäuel bilden den psychologischen Kern aller Erzählungen, die gegenüber den vergangenen Romanen weniger konstruiert, weniger belehrend daherkommen. Wiederkehrend ist das schon im «Vorleser» prägende Motiv der schuldlosen Schuld: Ob es der Alterssuizid des Bruders, die Suche nach einer frühen Jugendliebe, eine Scheidung, die lesbische Adoptivtochter, die Mutter, die zur Irritation des Sohnes Seitensprünge geniesst – Bernhard Schlink gelingt hier ein breit gefächertes, wunderbar erzähltes, leicht melancholisches Buch.

Bernhard Schlink Abschiedsfarben. Geschichten. Diogenes, 322 Seiten.