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NEW MUSIC DAYS: Moderne im Pool mit Jazz und Volksmusik

Die Musikhochschule Luzern sprach mit ihrer Werkschau der neuen Musik stilistisch viele Geschmäcker an. Aber sie konkurrenzierte die drei Tage im Neubad gleich selber.
Urs Mattenberger
Brachten das Neubad in Luzern zum Klingen: Studenten in der «Musik für Hallenbad». (Bild: Philipp Schmidli (23. Juni 2017))

Brachten das Neubad in Luzern zum Klingen: Studenten in der «Musik für Hallenbad». (Bild: Philipp Schmidli (23. Juni 2017))

Urs Mattenberger

urs.mattenberger@luzernerzeitung.ch

Kuhglockengebimmel im Neubad Luzern? Das war eine der vielen akustischen Täuschungen, die sich in der «Hommage an das Neubad» im Rahmen der New Music Days der Musikhochschule einstellten. Denn als sich die vier Musiker wie zum Meditationsritual vor die Kacheln der hinteren Poolwand setzten und mit Gläsern über die Kachel­reliefs kreisten, mischte der Hall das Glöckeln zum Herdenklang.

Später, wenn sie mit Kleiderbügeln über die Poolgeländer fahren, knattern stotternde Maschinengewehrsalven durch den Raum. Und wenn Pingpongbälle durch die trockengelegte Röhre der Rutschbahn kullern, kreisen sie über den Köpfen der Besucher wie gespenstisch erleuchtete Miniplaneten am Firmament.

Werk- und Werkstattschau

Die Konzeptarbeit entstand im Workshop, den der Komponist Peter Ablinger an den vom Freitag bis gestern dauernden New Music Days gab. Diese sind mit Master-Abschlusskonzerten, Uraufführungen aus der Kompositionsklasse von Dieter Ammann und Koproduktionen mit Videoschaffenden der Kunsthochschule Luzern eine breitgefächerte Werkschau der neuen Musik an der Musikhochschule.

Der Werkstattcharakter haftete denn auch der «Musik für Hallenbad» an: Sie blieb eine zwar assoziationsreiche Auslegeordnung von Klängen und Geräuschen, aber ohne griffige Dramaturgie. Als sich endlich Geräusche vom Rutschbahnturm mit jenen aus dem Pool überlagerten, wäre man gespannt gewesen auf die Fortsetzung. Aber da war der Spuk bereits zu Ende.

Trotzdem stimmte die «Musik für Hallenbad» passend ein auf das Konzert am Samstag, in dem das mit der Musikhochschule Luzern verbundene Sargo-Ensemble acht Werke von Kompositionsstudenten zur Uraufführung brachte. Zum einen durch eine stilistische Offenheit, die sich nicht um Dogmen kümmert. Zum andern dadurch, dass es die musikalische Wahrnehmung auf das ganz Einfache fokussierte.

Musikalische Elementarteilchen

Neue Musik müsse man nicht «verstehen», jedenfalls nicht mehr als eine Doppelfuge von Bach, meinte der Komponist Dieter Ammann im Gespräch mit Besuchern. Im Grunde gehe es auch in zeitgenössischer Musik um elementare, einfache Phänomene wie etwa tiefe und hohe Klänge, Dichte, Farbe, Dynamik und Artikulation.

«Back to basics» also – das lösten zu Beginn Kompositionen von Lukas Stamm und Luca Marty allein schon durch ihre miniaturhafte Anlage ein. Der Erste, indem er – inspiriert durch ein Gedicht von Cesare Pavese – hinter ausdrucksvollen Altsaxofon­linien und Perkussionsflächen Klavierterzen wie magische Formeln aufleuchten liess. Der Zweite, indem er in einer Hommage an die Zweite Wiener Schule musikalische Kurzformeln à la Webern in expressionistische Romantik à la Berg überführte.

In Tommaso Carlinis «bounce» für Klaviertrio konnte man tatsächlich hören, wie die Mechanik gläsern klar exponierter Elementarteilchen in gleitende musikalische Prozesse überführt wurde. Ein elementares musikalisches Ausdrucksmittel ist aber auch die virtuose Süffigkeit, die Lukas Fricker mit der vielfältig schillernden Verschmelzung von Flöte und Sopransaxofon in «Guru Guru Gucke di Ru» erreicht – quasi ein erster kulinarischer Höhepunkt des Programms.

«Luzerner Modell» mit Jazz und Volksmusik

Danach weitete sich die Stilvielfalt der neuen Kompositionen nach allen Seiten aus. Möglich macht es das «Luzerner Modell» in Sachen Kompositionsstudium, wie es Andreas Brenner als Leiter des Instituts für Neue Musik erläuterte. Dazu gehört, dass das Kompositionsstudium an der Musikhochschule Luzern «stilistisch offen» und auch auf Jazz- und Volksmusik-Studenten ausgerichtet ist. So war die «Archarie» für Violine und Cello des Hackbrettspielers Nayan Stalder ein achterbahnfahrendes Stück neuer Volksmusik, das raffiniert Grooves mit Anklängen an Urmusik-Mystik verband. Und der Jazzgitarrist Manuel Elias Büchel fing die «Präzession eines Kreisels» mit einer reich besetzten Minimal Music ein, die aus der Polarität zwischen Intensitätsschüben und Suchfeldern vielschichtig in Fahrt kam – der abschliessende Höhepunkt des Programms.

Zum «Luzerner Modell» gehört aber auch, dass alle genannten Komponisten im Hauptfach ihr Instrument und nur als Nebenfach Komposition studieren – weil man sich komponierend noch anders ausdrücken kann denn als Interpret, wie es Ammann formuliert. Wie die Musik, die man als Interpret studiert, das eigene Komponieren beeinflussen kann, zeigte das erste Werk der Pianistin Huang Shih-Wei: Ihre «Story Of An Island» war rasch entflammbare, romantisch entlehnte Ausdrucksmusik, die freilich durch ihren unbremsbaren Überschwang fesselte.

Konzertansage gehört an die Öffentlichkeit

All dem fehlte freilich das entsprechende Publikum. Das lag nicht nur am schönen Wetter. Zum «Luzerner Modell» gehört auch, dass die Musikhochschule ihr Kompositionsstudium selbst vor Ort nicht angemessen bekannt macht. So hatte sie die New Music Days mit dem Konsifest am Freitag gleich selber konkurrenziert. Und dass sich Uraufführungen an ein Jazz- und Volksmusikpublikum richten, gehört nicht in eine Konzertansage an ein Insiderpublikum, sondern an die Öffentlichkeit.

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