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Opernhaus Zürich: Ein Startenor mit besonderem Auftritt

Startenor Piotr Beczala singt an den grossen Opernhäusern, auch immer wieder in Zürich, wo er wohnt. In Lehárs «Land des Lächelns» wird er auf Leinwand auf dem Sechseläutenplatz zu sehen sein.
Rolf App
Der umschwärmte Prinz aus Fernost ist ein unglücklicher Mensch: Piotr Beczala als Sou-Chong in Franz Lehárs «Das Land des Lächelns». (Bild: Toni Suter/T+T Fotografie)

Der umschwärmte Prinz aus Fernost ist ein unglücklicher Mensch: Piotr Beczala als Sou-Chong in Franz Lehárs «Das Land des Lächelns». (Bild: Toni Suter/T+T Fotografie)

Sonntagmittag. Die Schweiz zählt gerade die Stimmen aus, über den Sechseläutenplatz weht vom See her ein erfrischendes laues Lüftchen. Nächsten Samstag wird hierher, als «Oper für alle», ab 20 Uhr vor tausenden von Zuschauern Franz Lehárs Operette «Das Land des Lächelns» übertragen, die gerade drinnen im Opernhaus Wiederaufnahme feiert. In einer überraschend ernsten, stimmigen Inszenierung von Andreas Homoki, und mit dem Tenor Piotr Beczala als dem chinesischen Prinzen Sou-Chong in der männlichen Hauptrolle (und Julia Kleiter in der weiblichen). Dass Beczala beim Zürcher Publikum seit Jahren als unumstrittener Publikumsliebling gilt, das spürt man rasch – und hört es am Applaus.

Viel Witz - und schmerzhafte Melancholie

Es sind die Zwanzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts, die Homoki und sein Bühnenbildner Wolfgang Gussmann auferstehen lassen. Mit viel Witz, aber auch jener schmerzhaften Melancholie, die dem keineswegs unbeschwerten Stück eigen ist. Sou-Chong sei eine ziemlich schwierige Rolle, hat Beczala im Vorfeld erklärt. Die Musik erinnere zuweilen mehr an Richard Wagner als an Operette. Und seine expressive, oft in die hohe Mittellage führende Partie sei nicht sehr angenehm zu singen:

«Man muss die Balance finden zwischen eleganter, zarter Phrasierung und hochdramatischen Ausbrüchen.»

Schon Beczalas allererster Auftritt setzt den Ton mit jenem Lied, in dem Lehárs geniale Librettisten Ludwig Herzer und Fritz Löhner-Beda 1929, kurz vor dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise, die innere Lage des Prinzen auf den Punkt bringen. «Immer nur lächeln und immer vergnügt», ermahnt er sich selber, «Lächeln trotz Weh und tausend Schmerzen». Denn «wie’s da drin aussieht, geht niemand was an.» Er ist ein Fremder, dieser Prinz, bis über beide Ohren verliebt in die Wienerin Lisa. Und er spürt: Das wird nicht gut kommen. Die Beförderung zum Ministerpräsidenten bringt ihn zurück in die Heimat, er nimmt Lisa mit – doch dort ist nun sie die unerwünschte Fremde.

«Immer nur lächeln»: Beczala singt es weich und zart, nachdenklich steht er da. «Sou-Chong steht zwischen seinen Gefühlen, und dem, was er seiner Familie schuldig zu sein glaubt», erzählt er fünf Tage vor seinem Auftritt, als wir ihn in der Probebühne treffen. Es gibt in seiner Fremdheit durchaus Parallelen zu Beczalas eigenem Leben. «Ich komme aus Polen und lebe in der Schweiz, bin seit einigen Jahren sogar Schweizer Bürger. Ich reise von Opernhaus zu Opernhaus, muss mich in immer neuen Kulturen zurecht finden. Wie der Chinese Sou-Chong in Wien.»

«Oper für alle» heisst es einmal im Jahr in Zürich - hier 2017 mit Giuseppe Verdis «Un ballo in maschera». (Bild: Alexandra Wey/Keystone)

«Oper für alle» heisst es einmal im Jahr in Zürich - hier 2017 mit Giuseppe Verdis «Un ballo in maschera». (Bild: Alexandra Wey/Keystone)

Allzu weit soll man die Parallelen nicht treiben

Doch allzu weit treiben soll man es nicht mit den Übereinstimmungen zwischen Darsteller und Figur. Der Piotr Beczala, den wir in der Probebühne kennen lernen, ist ein anderer als jener, den wir auf der Bühne beobachten können. «Immer nur lächeln», macht der eine zu seiner Devise. «Man darf sich nicht alles gefallen lassen», sagt der andere im Blick auf ein Vierteljahrhundert sängerischer Karriere auf oberstem Niveau. Denn die Oper, diese vielleicht vollständigste Kunstform, ist zugleich die konfliktträchtigste.

Immer bleiben nur einige wenige Wochen, um die Ideen von Regisseur, Bühnenbildner, Dirigent und Sängern unter einen Hut zu bringen. Und ein Künstler wie Piotr Beczala bezeichnet sich zwar als «pflegeleicht». Denn «wir haben die Aufgabe, den Zuhörern das Bestmögliche zu bieten, und müssen deshalb alle zusammen stehen.» Auf der andern Seite aber tritt er seinen Regisseuren durchaus selbstbewusst entgegen.

Beczala wählt aus, mit wem er zusammen arbeitet

«Ich bin erwachsener geworden», sagt er denn auch auf die Frage, wie er sich im Laufe seiner Karriere verändert hat. Vier bis fünf Jahre im voraus weiss er, was er wo zu singen hat, und seine Position ermöglicht es ihm, bei der Wahl von Dirigenten und Regisseuren ein Wort mitzureden. «Um bestimmte Namen mache ich einen Bogen», sagt er, und meint damit jene Regisseure, «die ein Werk zur Unkenntlichkeit entstellen, weil sie sich selber als schöpferische Künstler verstehen und nicht als Interpreten».

Da ist er selber sehr viel bescheidener. Singen: Das ist Dienst am Kunstwerk. Seinen Auftritten geht ein minutiöses Studium der Rolle voraus. Er fängt mit den Noten an und arbeitet sich zu den Hintergründen vor. «Ich mache mir Gedanken über meine Figuren. Ich frage mich, wie hätte Sou-Chong gehandelt? Oder, um zwei weitere Rollen zu erwähnen: warum tut Werther dies und Faust jenes?»

Wie man in eine fremde Haut schlüpft

Piotr Beczala hält wenig davon, «aus dem Bauch heraus» zu agieren. Er weiss, wozu seine Stimme fähig ist, und wie er mit ihr umgehen muss. Er kennt auch den Prozess der Verwandlung, der jedem gelungenen Auftritt voraus geht. «Ich sitze in der Maske, werde geschminkt, bekomme vielleicht eine Perücke, und werde eingekleidet. All das macht es mir leichter, in diese fremde Haut zu schlüpfen.»

Nachher muss er diese Haut wieder abstreifen, um bereit zu sein fürs nächste Abenteuer. «Ich brauche Zeit, um wieder zu mir zu kommen», sagt er. «Es sind die Emotionen, von denen ich mich erholen muss.»

Ein Star ohne Allüren

Im Gespräch ist Piotr Beczala freundlich, zugänglich, offen. Den Zugang zu seinem Beruf hat der Mann aus Südpolen mit Jahrgang 1966 durch Zufall gefunden: Da stand eine Mathematikprüfung auf dem Stundenplan, und zeitgleich das Vorsingen für einen Chor. Beczala wählte das Vorsingen, später wurde sein enormes Talent erkannt, das ihn heute zu einem der gefragtesten Tenöre der Welt macht. Auch als Liedsänger ist er gefragt. (R.A.)

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