Literatur
Neuer Roman von Susanna Schwager: Niemand war da, der das Sterben verstand

«Lamento», der neue Roman der Zürcher Schriftstellerin legt auf berührende Weise dar, wie das Leben eines Menschen eigentlich nicht zu Ende gehen dürfte.

Charles Linsmayer
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Die Zürcher Schriftstellerin Susanna Schwager, 62.

Die Zürcher Schriftstellerin Susanna Schwager, 62.

Bild: Keystone

Wer hat nicht alles über die Kindheit geschrieben: beglückt, gefühlvoll, wehmütig, traumatisch. Vor der letzten Lebensphase, die die Schreibenden ja noch nicht selbst erlebt haben können, machen sie aber lieber einen Bogen, sie ist und bleibt ein Tabu, worüber man lieber schweigt. Nicht so die 1959 geborene Zürcherin Susanna Schwager, die inzwischen ihre ganze Familiengeschichte romanhaft aufgearbeitet hat und deren persönlich-familiäre Schreibweise Urs Widmer als «eigene Literaturform» gelobt haben soll.

Zwischen Trauer und Schuld

«Lamento» ist, durchaus im lateinischen Sinn von «Klagelied», ihr «Brief an den Vater» überschrieben, dessen letzte Lebensmonate als Parkinson-Patient sie für ihn selbst nochmals nacherzählt und zusammenfasst: um sein Leiden, vielleicht auch seine Tapferkeit sichtbar zu machen und die Schuldgefühle zum Ausdruck zu bringen, die sie heimsuchen, weil sie ihn der professionellen Fürsorge auslieferte.

Der Vater wird als etwas patriarchalischer Familienvater beschrieben, der als Deltasegler über der Landschaft schwebte, sich aber auch nicht schämte, die Kinder gernzuhaben, obwohl er eher ein introvertierter Mensch war und seiner Tochter nur einen einzigen Brief schrieb. «Mein Väterchen, wie ich Dich nur im Geheimen nannte», heisst es in einem dem Text vorangestellten Gedicht, und es scheint, dass die Tochter ihm erst in seinen schweren letzten Monaten nahegekommen ist. Diese Zeit beginnt mit den ersten Anzeichen der nicht erkannten Parkinson-Erkrankung und dem Tod der Lebensgefährtin. Es ist nicht ganz klar, was die Mutter meint, als sie der Tochter als letztes Wort den Rat gibt:

«Schau, dass Du wegkommst!»

Jedenfalls ist das, was dem Vater, allein gelassen, bevorsteht, so belastend, dass die Tochter schon früh ausruft: «Da ist ein grosses Versagen rund um Deinen Tod, alter, tapferer Mann. Das nimmt mir den Frieden.» Einen Augenblick lang überlegt sie sich sogar:

«Soll ich den Schluss, den ich nie begreifen werde, weglassen?»

Sie tut es nicht und protokolliert ohne Beschönigungen, wie das aussehen kann, so ein Sterben in Raten in den Händen derjenigen, die sie vielsagend «die Pflichthabenden» nennt. Auf die Zeit im «Stadtbergheim», wo er immer nur wegwollte, folgt eine relativ glückliche Zeit im «Haus der grossen Frau», die ihre Insassen nach dem Motto «Wenn die Leute sich freuen, sind sie weniger krank» betreut. Bis ein junger Mann mit Krawatte das Szepter übernimmt und der Vater mit Temesta «ruhiggestellt» wird, denn «er ist halt durch die Demenz störrisch und manchmal aggressiv». Was dazu führt, dass die Tochter ihren Vater «einsam und voller Drogen» unter dem Tisch vorfindet, wohin er sich verkrochen hat. Bis man ihn schliesslich in eine psychiatrische Klinik überstellt.

Von einem Herzstillstand erholt er sich wieder, was das Personal den richtigen Medikamenten zuschreibt:

«Wir haben ihn nicht geholt! Er ist allein zurückgekommen. Sie können das bezeugen.»

Als er dann an einem Herzstillstand stirbt, sind draussen die Amseln zu hören. Halb bewusst, halb verträumt hat er die schlimme Zeit durchgestanden, indem er mit den Farbstiften, die er zu Stümpfen zerdrückte, gelbe Blumen malte. Nur gelbe. Die Tochter aber erkennt, dass er damit unbewusst seine Sehnsucht nach Zärtlichkeit zum Ausdruck brachte, heisst es doch bei Walser irgendwo «Gelb streichelt».

Konfrontation mit dem Gewicht der Betreuung

Ins Allgemeingültige reicht der Text in seiner Privatheit vielleicht nicht. Aber womit er einen konfrontiert, ist etwas, was immer wieder passiert und was wohl damit zusammenhängt, dass wir noch weit davon entfernt sind, ein ähnlich grosses Gewicht auf die Betreuung des letzten wie auf jene des ersten Lebensabschnitts zu legen.

Niemand weiss Rat, als der alte Mann, gefüllt mit Psychopharmaka, hilflos, nackt und zitternd unter dem Tisch liegt. «Holdes hättest Du da gebraucht», heisst es dann, «Angelächelt werden mochtest Du… die Musik, die Du liebtest, hätte Dir gutgetan, das Lied vom Räuber, das Glöcklein, das Sternlein, der Heimatvogel. Gewöhnliche Dinge. Leise Dinge. Hände mochtest Du. Frische Luft. Und den Himmel. So einfach wäre es gewesen. Aber niemand war da, der das Sterben verstand.»

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