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NOËLLE REVAZ: Wenn Autoren buchstäblich zu «Buchhaltern» werden

Die Walliserin Noëlle Revaz zeichnet in ihrer Mediensatire eine literarische Zukunft, die dem Buch eine neue Funktion verleiht. Diese mutet ganz und gar überraschend und dennoch sehr vertraut an.
Noëlle Revaz (49) schreibt witzig und angriffig über die Zukunft des Buches. (Bild: Guillaume Perret/PD)

Noëlle Revaz (49) schreibt witzig und angriffig über die Zukunft des Buches. (Bild: Guillaume Perret/PD)

Das Buch präsentiert sich in einem warmen Orange, das von zitronengelben Tönen akzentuiert wird. Es zeigt das grafisch verfremdete Porträt einer jungen Frau, die den Betrachter wie durch Gitterstäbe direkt anblickt. Schon das Cover zeigt: Bilder, Schriften, Farben und Strukturen lassen sich medial wunderbar inszenieren. Während Texte bloss stören. Sie rauben Zeit, beim Schreiben wie beim Lesen.

Im Fall von Noëlle Revaz ist gerade deshalb auf den Text zu achten. Sie erzählt eine ätzende Mediensatire. Darin wird Literatur ganz auf ihr äusseres Erscheinen reduziert, damit sie in Buchform vor den TV-Kameras perfekt zur Geltung kommt. Autoren werden zu «Buchhaltern» degradiert, denn Algorithmen stückeln die Texte aus Wortdatenbanken zusammen.

Nur vorwitzige Kinder schauen noch in Bücher

Was Noëlle Revaz mit bösem Witz erzählt, wirkt futuristisch verzerrt, zugleich kommt es uns durchaus vertraut vor. Die Oberfläche eines Buches ist derart wichtig geworden, dass das Öffnen dieses Objekts sogar als Tabu gilt. Nur vorwitzige Kinder tun es gelegentlich und versuchen, darin zu lesen.

Dennoch werden die allerneuesten Neuerscheinungen regelmässig in unendlich gleichförmig ablaufenden TV-Talkshows gehypt. Hin und wieder kommt es sogar vor, dass ein Buch in diesem Rahmen seine Premiere feiert, zur Überraschung selbst der Autorinnen und Autoren.

So widerfährt es Jenna For­tuni und Joanna Fortunaggi – zwei Stars und Konkurrentinnen in der Branche. Sie werden eines Tages mit einem neuen Buch konfrontiert, auf dessen Umschlag der Name Joeanna Fortu­naggi steht: eine doppelte Sensation. Zuerst sind die beiden schockiert. Nach und nach aber entwickeln sie Sympathie füreinander. Bis sie sogar den Mut zu einem Tabubruch finden.

Wunderbar komisch und bitter zugleich erzählt Revaz, wie die Ökonomie der Oberfläche vor der Literatur nicht Halt macht. Das Buch muss in die Kamera gehalten werden, dann rollt der Rubel. Die Leser bleiben in diesem sich selbst reproduzierenden System unscheinbar. Aus der Leserschaft ist ein TV-Publikum geworden. Nur Joannas Sohn schmökert in alten Büchern – und kritzelt sogar mit Tinte eigene Heftchen voll.

Ein Schluss mit Überraschung

Noëlle Revaz entwickelt einen Strauss von sprühenden Ideen, die sie kühl und sachlich rapportiert. Eine leise Schwäche verrät ihr Buch allerdings doch. Zuweilen erweckt es den Eindruck, dass die Autorin selbst ihren Einfällen nicht ganz trauen würde. Sie neigt zum Erklären und Verdeutlichen, wodurch das muntere Erzähltempo manchmal gedrosselt wird.

Für den Schluss hält Noëlle Revaz noch eine spezielle Überraschung bereit: die Neuerfindung des Buches. Ob das zum Lachen oder zum Weinen ist, bleibt den Lesenden überlassen.

Beat Mazenauer (SFD)

kultur@luzernerzeitung.ch

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