Notenschatz von Franz Josef Jenni entdeckt

Franz Josef Jenni aus Escholzmatt hinterliess 350 Kompositionen. Die Luzerner Bürgermusik und Volksmusikanten bringen sie zum Klingen.

Romano Cuonz
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Franz Josef Jenni mit Frau Agatha in den 1930er-Jahren vor dem Bienenhaus ihres Bauernhofs.

Franz Josef Jenni mit Frau Agatha in den 1930er-Jahren vor dem Bienenhaus ihres Bauernhofs.

Was der Escholzmatter Dirigent und Musiker Hermann Jenny berichtet, tönt wie eine spannende Abenteuergeschichte. «Eines Tages haben mich Töchter des Entlebucher Musikers Franz Josef Jenni – eines meiner Vorgänger bei der Kirchenmusik Escholzmatt – darauf aufmerksam gemacht, dass sich auf dem Estrich noch eine Truhe mit allerhand Kram und Noten ihres Vaters befinde», erzählt er. Eigentlich habe er nur mal kurz reinschauen wollen, weil er gedacht habe, dass es sich um «altes Zeug» handle, berichtet Hermann Jenny. Doch als er damit begonnen habe, die Kompositionen zu studieren, seien ihm einzigartig schöne Melodien­folgen aufgefallen. Jetzt war der pensionierte Musiker Feuer und Flamme.

Er besorgte sich ein Notenschreibprogramm und übertrug die einzelnen Stimmen in eine Partitur. Je länger er arbeitete, desto mehr kompositorische Überraschungen erlebte er. «Immer wieder fragte ich mich, wie Franz Josef Jenni zu diesen Melodien, zu dieser genialen künstlerischen Kreativität und den musikalischen Einfällen kam», sagt Hermann Jenny ­heute. Bei so vielen Superlativen fiel es ihm nicht schwer, zwei Profimusiker zu überzeugen, dass man den gehobenen Notenschatz wieder zum Tönen bringen müsste.

Jennis Musik ist heute Inspiration

Der bekannte Volksmusiker und Klarinettist Dani Häusler erklärte: «Heute ist es für uns Musiker eine Inspiration, diese vergangene Welt durch die Musik von Franz Josef Jenni nachzuempfinden.» Und Michael Bach, Dirigent der Bürgermusik Luzern, meinte: «Es ist höchst erstaunlich, mit welch feiner Feder dieser faszinierende Mann vor über hundert Jahren ein Notenbüchlein voller musikalischer Schätze geschaffen hat.» Beide studierten sie mit ihren Formationen insgesamt 45 Kompositionen ein. Häusler widmete sich der Volksmusik mit einer «Franz-Josef-Jenni-Musik» in verschiedenen Besetzungen. Bach widmete sich mit der Bürgermusik Luzern der «Militärmusik anno 1900», wie sie Korporal Jenni als Spielführer damals in sein Dirigat aufnahm. Das Resultat sind zwei CDs: die eine geprägt von fröhlich dörf­licher «Gesanglichkeit», die andere mit einem Einblick ins militärische Musizieren von anno dazumal.

Die beiden CDs sind in ein neues Buch des Berner Oberländer Autors Beat Straubhaar eingelegt. Es heisst «Der Notenschatz vom Dachboden». Der Autor zeichnet mit Dokumenten, Stimmen und umfangreichem Bildmaterial ein volksnahes und lebendiges Bild des bescheidenen Genies Franz Josef Jenni.

Franz Josef Jenni: Ein Phänomen

Geboren wird Jenni 1876 im «Michlischwand» in Escholzmatt. Mit sechs Geschwistern wächst er in bescheidenen bäuerlichen Verhältnissen auf. Schon bald zeigt sich, dass der aufgeweckte Junge ein Natur­talent für die Musik hat. Als Zwölfjähriger wird er in die eben neu gegründete Kirchenmusik Escholzmatt aufgenommen und spielt dort sogleich mit. 1891 übernimmt er als 15-Jähriger die musikalische Verantwortung für die Kirchenmusik. Wichtig für seine Karriere ist das Militär. Mit 22 wird der brillante Trompeter zum Korporal befördert. Fortan arrangiert er auch Militärmusik und komponiert den einen oder anderen Marsch. Weil er auf dem Bauernhof als Arbeitskraft gebraucht wird, kann er seinen Traumberuf Lehrer nicht ergreifen. So wird er ab 1903 zum beliebten Landpostboten in Wiggen. Dies ist sein Brotberuf – und das Fundament für die Gründung einer Familie.

1905 heiratet Jenni nämlich die Bauerntochter Agatha Banz. Ab jetzt vermeldet die junge Familie Geburten im Jahrestakt. Ihre Hauptsorge ist es, dass all ihre zwölf Kinder – zwei Söhne und zehn Töchter – Berufe er­lernen können. Schier unglaublich, was Franz Josef Jenni neben seinem anstrengenden Hauptberuf als Pöstler alles leistete. Um seine Familie selbst zu versorgen, bewirtschaftet er mit seiner Frau in der Hofstatt Beinbrechen einen Landwirtschafts­betrieb samt Bienenhaus mit 38 Bienenvölkern. Dazu führen sie einen kleinen Spezereiladen. Als eifriger Hobbyschreiner zimmert Jenni Möbel, und auch die Schuhe seiner Kinder fertigt er aus Leder selbst an.

Jenni bleibt vielseitig engagiert

Wie er bei so viel beruflichem und häuslichem Engagement auch noch eine Musikerkarriere hinlegen kann, bleibt bis heute ein Geheimnis. Zusätzlich zu ­seiner 51-jährigen Direktion der Kirchenmusik Escholzmatt wird er Aktivmitglied im Orchesterverein Langnau und für zwei Jahre übernimmt er auch noch die Leitung der Harmonie-Musik Marbach. Mit der Kapelle Jenni, Wiggen, macht er Tanzmusik. In den Phono-Plattenwerken Zürich werden Schellackschallplatten produziert. Neben all dem findet er immer auch noch Zeit zum Komponieren.

Die letzten Jahre verbringt Jenni in Littau, wo er 83-jährig stirbt. Der 100-jährige Franz ­Josef Kaufmann, Musikant unter Direktor Jenni, sagte: «Speziell war, dass während der Proben auch mal ein Stumpen geraucht wurde und diese trotzdem pünktlich endeten. Franz Josef musste ja als Briefträger anderntags früh aus den Federn!»

Hinweis

Zwei Konzerte mit der Franz-Josef-­Jenni-Musik finden am Sonntag, 26. Juni, um 11 Uhr im Kirchenzentrum der ref. Kirche Littau-Reussbühl und um 20 Uhr im Kronensaal Escholzmatt statt. Das Buch «Franz Josef Jenni – sein Leben, sein Werk» mit zwei CDs ist über www.jenni-musik.ch erhältlich.

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