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NUDGING: Pissoir-Erziehung: Alle zielen auf die Fliege

Weltweit wird versucht, Bürger mit Mitteln der Verhaltenssteuerung zu einem tugendhafteren und gesünderen Leben zu animieren.
Treffsicherheit erproben. (Bild: PD)

Treffsicherheit erproben. (Bild: PD)

Im Jahr 1999 versuchte die Finanzbuchhaltung des Flughafens Schiphol in Amsterdam die Kosten zu senken. Der grösste Ausgabeposten war die Reinigung der Herrentoiletten, weil die Männer reihenweise neben die Pissoirs pinkelten. Eine Lösung wäre gewesen, die Besucher der Toilette mit einem Hinweisschild daran zu erinnern, nicht daneben zu urinieren. Das wäre aber vermutlich wenig effektiv gewesen. Der Flughafenmanager Aad Kieboom bediente sich daher eines psychologischen Tricks: Um die Zielgenauigkeit zu erhöhen, liess er das Bild einer Fliege an die Pissoirs kleben. Das Konzept ging auf: Die Urinreste auf dem Boden reduzierten sich um 80 Prozent.

Nudging (für Stups oder Schubs) nennt man diesen Ansatz aus der Verhaltensökonomie, bei dem Menschen unter Ausnutzung psychologischer Schwächen in die gewünschte Richtung gelenkt werden. Die Idee: Statt Menschen zu belehren, gibt man ihnen einen Anreiz, das Richtige zu tun. Der Ökonom Richard Thaler, der mit dem Juristen Cass Sunstein die Grundlagen der Nudging-Theorie legte und 2017 für seine Beiträge zur Verhaltensökonomik mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet wurde, erklärte das Erfolgsgeheimnis so: «Männer mögen es, Ziele ins Visier zu nehmen.»

Nudging in der Politik

Mittlerweile prangen die Fliegen an fast allen Pissoirs auf der Welt. Thaler und Sunstein definieren Nudge in ihrem 2008 erschienenen Buch als eine Auswahl, welche «das Verhalten von Menschen in vorhersagbarer Weise verändert, ohne jegliche Optionen zu verbieten». Das Modell hat die Politik elektrisiert. Warum Geld für Informationskampagnen ausgeben, wenn man Bürger subtil steuern kann? Im Weissen Haus, in Downing Street und in Berlin wurden Nudge-Einheiten gebildet.

Das Konzept ist nicht auf Urinale beschränkt. In London liess die Verkehrsbehörde Strassenmarkierungen auf die Fahrbahn pinseln, welche eine Illusion von Bodenwellen erzeugen, um Autofahrer zu animieren, den Fuss vom Gas zu nehmen. In Island und Indien wurden ebenfalls auf einer optischen Täuschung basierende 3D-Zebrastreifen auf Strassen aufgemalt, die von weitem so aussehen, als würden Fussgänger über dem Asphalt schweben.

Es gibt aber auch noch subtilere Anreizstrukturen. In Kantinen ist üblich, dass sich das gesündere Obst und Gemüse in Griffhöhe befindet und man sich für die ungesunden Süssigkeiten bücken muss. Der Mensch ist von Natur aus träge, also greift er aus Bequemlichkeit zum Obst und ernährt sich dadurch gesünder. In Singapur werden Bürger an jeder Ecke genudgt: Aschenbecher werden von Bushaltestellen entfernt platziert, um Raucher und Nichtraucher zu separieren.

Mit Nudging werden ohne Verbote Ziele wie Gesundheit oder Verkehrssicherheit erreicht. Die Methode ist allerdings umstritten. Der deutsche Psychologe Gerd Gigerenzer sagt, das Modell gehe von einem unmündigen Bürger aus. Nudging könnte der Manipulation von Massen Tür und Tor öffnen. Facebook hat bei Wahlen und Abstimmungen wie beim Brexit-Referendum einen Button im Newsfeed ausgespielt, der Nutzer an die Wahl erinnerte und ihnen unter anderem auch anzeigte, welcher ihrer Freunde bereits seine Stimme abgegeben hat. Ein solcher Reminder mag die Wahlbeteiligung erhöhen. Doch die Frage ist, wem der Hinweis-Button zugespielt wurde und ob nur bestimmte Wählergruppen zur Wahl animiert wurden. Das wäre dann manipulativ.

Adrian Lobe

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