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Nur beim Reiten ist der Cowboy nicht einsam

«The Rider» erzählt von einem jungen Cowboy, der eigentlich nicht mehr reiten dürfte. Der Film stellt das Leben im Pine-Ridge-Indianerreservat authentisch dar: Menschen und Bilder prägen sich ein.
Regina Grüter
Eins mit dem Pferd und der Natur: Brady Jandreau spielt eine leicht fiktionalisierte Version von sich selbst. (Bild: Cineworx)

Eins mit dem Pferd und der Natur: Brady Jandreau spielt eine leicht fiktionalisierte Version von sich selbst. (Bild: Cineworx)

Wenn ein Pferd aufgrund einer Verletzung nicht mehr tun kann, was es will, gibt man ihm den Gnadenschuss. Die Lakota befreien es aus der unausweichlichen Unfreiheit. Der junge Cowboy Brady Blackburn (Brady Jandreau) hat sich beim Rodeo schwer verletzt und seither eine Metallplatte im Kopf. «Weil ich ein Mensch bin, durfte ich weiterleben», erklärt er seiner kleinen Schwester Lilly (Lilly Jandreau).

Was macht den Menschen aus? Nichts weniger als das fragt Chloé Zhao in «The Rider». Nach ihrem Débutfilm «Songs My Brother Taught Me» um ein Lakota-Geschwisterpaar spielt auch der zweite Spielfilm der gebürtigen Chinesin im Pine Ridge Reservat in South Dakota, das zu den ärmsten Gegenden der USA gehört.

Wenn aber Brady nicht mehr als Pferdetrainer arbeiten und an Rodeos teilnehmen kann, kommt seiner Familie nicht nur eine dringend nötige Einnahmequelle abhanden. Brady droht seine Identität als Reiter zu verlieren.

Alles Laiendarsteller, ­glaubwürdig und intensiv

Das mag kitschig klingen, ist es aber nicht. Die Lebenswelt von Brady Blackburn ist die des 20-jährigen Brady Jandreau, ein Nachkomme von Lakota-Sioux. Zhaos Drehbuch erzählt bis auf wenige Änderungen seine Geschichte; davon, wie sich Bradys Träume nach dem Rodeo-Unfall in Luft aufzulösen drohten. Auch der desillusionierte Vater Tim Jandreau alias Wayne Blackburn, die leicht geistig behinderte Schwester sowie Bradys Freunde spielen mit grossem Raum zur Improvisation leicht fiktionalisierte Versionen ihrer selbst.

In Bradys spartanischem Zimmer gibt es ein Bett und eine Kommode; darauf ein Buch – «Holy Spirituals» –, Nieten, Abzeichen seiner Rodeo-Erfolge in Form von Gurtschnallen und ein Revolver. Damit schiesst er sich auch mal das Abendessen.

Den Wind spüren, wie er durchs Gras weht, durch die Prärie reiten, eins mit dem Pferd, das ist alles, was diese Jungs wollen. Also ignoriert Brady die Krampfanfälle in der Hand und nimmt, sobald etwas Haar über die grosse Narbe an seinem Kopf gewachsen ist, seine Arbeit mit Wildpferden wieder auf. Man kennt ihn weitherum nicht nur als Rodeo-Reiter auf dem Sprung nach ganz oben, sondern auch als «Pferdeflüsterer».

Verzicht auf ­ künstliche Überhöhung

Wieso nun ist «The Rider» so besonders? Es genügt ein Blick in Brady Jandreau Gesicht. Darin liegen eine Tiefe und ein unergründlicher Schmerz, den er erst gar nicht artikulieren muss. Es ist ein Schmerz, der sich nach innen wendet und nur ganz selten in Aggressivität nach aussen tritt: Gegen den Vater, der das Geld verspielt oder versäuft, oder wenn er die Schwester beschützt.

Es scheint sich die ganze Wehmut des heutigen indianischen Lebens in diesem Gesicht zu manifestieren. Genauso wie die Schönheit: Die gelebte Freiheit in dieser atemberaubenden Landschaft der Great Plains, der allein durch Armut und Perspektivlosigkeit Grenzen gesetzt werden; die tiefe Verbundenheit mit der Natur und dem Glauben und den Mythen der Vorfahren, die so selbstverständlich zum Leben der Jungen gehört.

Diese Landschaft setzt Zhao grandios in Szene. Grandios deshalb, weil sie sie nicht künstlich überhöht, sondern sie in natürlichem Licht und in zurückgenommenen Farben zeigt. Auch in der Darstellung der Beziehung Bradys zum Vater und zur Schwester zeigt sich eine grosse Ehrlichkeit und Schönheit. Und zum besten Freund und ehemaligen Rodeo-Star Lane Scott, der seit einem Unfall schwer körperlich behindert ist. Es gibt Spannungen, aber kein Schwarz-Weiss.

Der zerbrechliche Traum von der Freiheit

Brady muss sich entscheiden – komplett auf das Existenzielle zurückgeworfen –, ob er bereit ist, alles, was ihm wichtig ist und was ihn ausmacht, für seine Gesundheit zu opfern. Für ein langes Leben vielleicht, aber ist es auch lebenswert? Sätze wie «Ich werde nicht enden wie du», an den Vater gerichtet, oder «Gib deine Träume nicht auf» wären gar nicht nötig gewesen.

«The Rider» ist ein Ritt in Zeitlupe durch einen zerbrechlichen Traum von einem Leben in Freiheit und Unabhängigkeit zwischen Tradition und Moderne.

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