Nur der Federer rührt noch zu Tränen

Klima-Aktivismus, Frauenstreik und die allgemeine Weltuntergangsstimmung waren die beherrschenden Themen am satirischen Jahresrückblick «Bundesordner» im Casinotheater Winterthur. Die Ordnung der Welt war auch schon einfacher gewesen.

Julia Stephan
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Die Satire-Experten des diesjährigen «Bundesordners» im Casinotheater Winterthur .

Die Satire-Experten des diesjährigen «Bundesordners» im Casinotheater Winterthur .

Bild: Michael Bigler

Als der legendäre Bundesordner der Firma Biella 2008 100 Jahre alt wurde, schickte die offizielle Schweiz einen Bundesrat an die Geburtstagsfeier.

Damit war die Pointe gesetzt. Die Medien lachten sich krumm. Worauf der geladene Bundesrat Samuel Schmied trocken nachschob: «Ich habe die betreffenden Artikel gelocht und in einen Bundesordner abgelegt. So hat alles seine Ordnung, selbst die Häme».

Seither versuchen sich zu jedem Jahresbeginn eine Handvoll Kleinkünstler im Casinotheater Winterthur in der Ordnung der Welt. Für den Rückblick auf das Jahr 2019 haben sich unter der Regie von Fabienne Hadorn die Berner Rapperin Steff la Cheffe, Nils Althaus, das Kabarettduo schön & gut, Bühnenpoetin Lisa Christ, der deutsche Kabarettist Jess Jochimsen (wegen eines Bandscheibenvorfalls leider nur per Video sich zu Wort meldend), das Strassenmusikergespann Les trois Suisses und die Puppenspielerin Kathrin Bosshard zusammengetan für einen Blick auf eine Welt, die sich rhetorisch auf den Weltuntergang zubewegt, faktisch aber nach wie vor glaubt, dass Geburtstagsfeste für Bundesordner eine gute Sache sind.

Originelle Plakatierkunst im Jahr des Aktivismus

Schliesslich beweint man mit Blick aufs 2019 keine sterbenden Bäume, Klima- oder Terroropfer, sondern wischt sich in Erinnerung an das Tennis-Finale von Wimbledon zwischen Roger Federer und Novak Djokovic rührselig die Tränen vom Gesicht. Das aus dem Abend herausragende Kabarettduo schön & gut analysierte, nichts beschönigend: «Tränen vergiessen, wenn einer verliert, der alles hat, was man sich wünschen kann, gegen einen, der alles hat, was man sich wünschen kann». schön & gut waren es auch, die das zurückliegende Jahr des Klimaaktivismus mit origineller Plakatierkunst Revue passieren liessen, die ein wenig an das stumme Kabarett des Duos Ohne Rolf erinnerte. Die aufklappbaren Plakate, die Österreich in Anspielung auf Bundeskanzler Sebastian Kurz «zu Kurz» denken liess, dachten ums Eck und überraschten.

Nils Althaus staunte über die Glorifizierung des hart erstrittenen Vaterschaftsurlaubs («Was sind das für Scheissferien»). Die Musiker Pascal Dussex und Resli Burri von Les trois Suisses hatten den passenden Ohrwurm für Waldbrände («It never rains in California» von Albert Hammond) und Brexit («Should I stay or should I go» von The Clash) parat. Lisa Christ gab dem Frauenstreik eins aufs Dach («Was haben wir jetzt davon? Eine violette Fahne im Keller»). Steff la Cheffe beatboxte und rappte sich durch die Karriere von Gangsterrapperin Loredana und die herzigen, von Puppenspielerin Mariann Amstutz kreierten Regenwürmer wurmte der Imageschaden, den sie durchs SVP-Wurmplakat erlitten haben derart, dass sie zu einem Lied ansetzten.

«Bundesordner 2019». Casinotheater Winterthur sowie in weiteren Theater in Schaffhausen, Bern, Jona, Olten, Rorschach und Zug. Vollständiger Terminkalender: www.casinotheater.ch