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Jazzmusiker Diallo kritisiert: «Nur Höflichkeit bringt einen nicht weiter»

Der St.Galler Claude Diallo hat elf Jahre in New York gelebt und empfiehlt die Stadt jedem jungen Jazzmusiker. Der weltweit gefragte Pianist und Komponist wirft der Schweizer Jazzclubszene mangelnde Kompetenz vor.
Martin Preisser
Eine kämpferische Haltung werde in der Schweiz nicht goutiert, sagt der international erfolgreiche Jazzpianist Claude Diallo. (Bild: Martin Preisser)

Eine kämpferische Haltung werde in der Schweiz nicht goutiert, sagt der international erfolgreiche Jazzpianist Claude Diallo. (Bild: Martin Preisser)

In fünf Tagen könne er sich via Facebook eine zehntägige Japan-Tournee organisieren, sagt der Ostschweizer Jazzpianist Claude Diallo. Wenn der international tätige Musiker mit Jahrgang 1981 aber immer wieder beim Basler Jazzclub Bird’s Eye für einen Auftritt vorspricht, bekommt er eine Mail mit den Worten «Geduld, mein Freund». Da kann er sich nur die Augen reiben.

Er kennt Kollegen, die den Swiss Jazz Award gewonnen haben und dennoch nicht im Zürcher Club Moods auftreten durften. «Und wenn ich dort eine Band empfehle, die den Grammy gewonnen hat, kennen sie die nicht einmal.» Mit der Schweizer Jazzclubszene geht Diallo jedenfalls hart ins Gericht: «Die mangelnde Fachkompetenz, die ich dort spüre, ärgert mich.»

«Euch Schweizern fehlt die Attacke»

Claude Diallos Erfolg als Jazz­pianist ist aus seiner Sicht völlig davon bestimmt, dass er früh ausgeflogen ist. «Hier wäre ich nicht weitergekommen.» Er hat die St. Galler Jazzschule abgebrochen, um in Boston am berühmten Berklee College of Music zu studieren. Man hat ihn in St. Gallen damals nur belächelt. Im Ausland hat Diallo vor allem eines gelernt: Hartnäckigkeit. Für ihn ist sie der Schlüssel zum Erfolg geworden. Hartnäckig hat er sich bemüht, 2004 in Boston bei einem Spitzenlehrer zu studieren und nicht bei irgendeinem.

Raymond Santisi, bei dem auch Berühmtheiten wie Keith Jarrett oder Diana Krall in die Schule gegangen sind, hat Diallo in seine Klasse aufgenommen. «Es fehlt noch Farbe in deinem Spiel, aber das kriegen wir hin», ermunterte er den jungen Schweizer. Gerne erinnert sich Diallo an einen weiteren Lehrer, Charlie Banacos. Um 5.30 Uhr hatte er da manchmal schon seine Lektion. Banacos sagte ihm: «Man merkt, dass Ihr Schweizer nie im Krieg wart, da fehlt auch im Klavierspiel die Attacke.»

Kämpfen, Dranbleiben, 350 Mails schreiben, um im New Yorker «Fifty Five» spielen zu dürfen: In der Schweiz schreibe man vielleicht eine Mail und gebe dann frustriert auf, sagt Diallo. Bis Anfang 2018, elf Jahre, hat er in New York gelebt, Jazz gespielt und eine Musikschule geleitet, fast bis zum Burn-out. «Bei uns wird kämpferische Haltung als schlecht angesehen, in New York brauchst du sie.» Einem Veranstalter, der ihn fragte, ob er denn gut sei, sagte Diallo einmal: «Ich spiele ganz okay.» Der sagte: «Wenn du nur okay bist, kann ich dich nicht ernst nehmen.» Claude Diallo hat in New York eine Szene angetroffen, die er als vorurteilslos, offen, als frank und frei empfunden hat. «Ich bin manchmal aufs Gesicht gefallen. Und New York ist eine Stadt, die auch mit Ängsten verbunden ist, aber die Tatsache, hier in jeder Situation die beste Leistung bringen zu müssen, hat meine Karriere enorm beflügelt.» Das Ausfliegen aus der Schweiz könne er jedem jungen Jazzer nur empfehlen.

«Hier bei uns in der Schweiz hört man nicht gerne Kritik», sagt Claude Diallo, der den Begriff Jazz gerne ganz abschaffen möchte, weil er inzwischen eher abschrecke. Er bedauert es auch, heute in seinen Schweizer Konzerten nur älteres Publikum zu sehen. Um wirklich Erfolg zu haben, müsse man als Schweizer Jazzmusiker im Ausland spielen.

Gelernt, kein Blatt vor den Mund zu nehmen

Diallo hat auch ein anderthalbjähriges Timeout in China hinter sich und dabei Chinesisch gelernt. «In China habe ich gelernt, dass es egal ist, wo man lebt. Man kann überall das Gleiche erreichen. Aber eben nicht mit Schweizer Höflichkeit.» Durch sein Ausgeflogensein hat er gelernt, kein Blatt vor den Mund zu nehmen, auch dann nicht, wenn er jetzt das St. Galler Kulturfestival auf Facebook heftig dafür kritisiert, dass die Musiker in einem unerhörten Lärmpegel vor schwatzendem Publikum spielen müssten. «Primitiv» findet er das. Er selbst hätte einen Auftritt dort sofort abgebrochen.

Claude Diallo ist ausgeflogen und hat sich ausserhalb der Schweiz einen Namen gemacht. Und jetzt ist es die Liebe, die ihn wieder zurückfliegen liess. Er lebt mit seiner jungen Familie seit einigen Monaten in Trogen, wo er an der Kantonsschule auch unterrichtet.

Sommerserie

Die Sommerserie «Ausgeflogen» lässt Ostschweizer Kulturschaffende zu Wort kommen, die ausserhalb der Schweiz Karriere gemacht haben und dort erfolgreiche Kulturarbeit leisten. (red)

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