Lucerne Festival: Nur wenn die Musik fliegt, ist sie richtig gut

Die Geigerin Vilde Frang und der junge Dirigent Lahav Shani spielten am Lucerne Festival zwischen Erdung und Abheben.

Roman Kühne
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Der erst 30-jährige Lahav Shani im KKL. (Bilder: Peter Fischli / LF, 7.9.2019)

Der erst 30-jährige Lahav Shani im KKL. (Bilder: Peter Fischli / LF, 7.9.2019)

Manchmal sitze ich im KKL und bin mir nicht sicher, wie ich gerade diese Interpretation finden soll. Dann blicke ich zur Decke hoch. Versuche zu spüren, ob das Stück auch in der Höhe fliegen kann. Dieses unbestimmte Gefühl der Mitreise ist ein sicheres, aber auch persönliches Zeichen einer exzellenten Aufführung.

Am Samstagabend beim Soloauftritt von Vilde Frang mit dem Rotterdam Philharmonic Orchestra stellt sich diese Frage keine Sekunde. Es ist ein Moment, wo die Magie sofort greift. Dies gerade auch im Vergleich zum etwas schwerfälligen Auftritt des «Artiste étoile» Leonidas Kavakos vom Donnerstag. Vilde Frang spielt das Violinkonzert Nr. 1 von Max Bruch mit natürlicher Leichtigkeit und Sensibilität. Sie verfügt über einen klaren, variantenreichen Ton und zeichnet mit Verve und Energie die musikalische Story.

Vilde Frang.

Vilde Frang.

Aber Vilde Frang hat auch dieses zauberhafte Etwas. Eine Sensibilität der Interpretation, die alle Düfte des Stückes offenlegt. Eine Fragrance, mit der sie das «Adagio» zu einer hoffnungsvollen Erzählung formt. Delikat und opulent zugleich. Das Orchester unter der Leitung des jungen Lahav Shani begleitet mit homogener Beweglichkeit. Nur kurz werden wuchtige Extreme angespielt. Mit flimmernden Piano, einem umspannenden Fluss und einem Gehör für die Details interagieren die Musiker mit der Solistin. Der Romantiker Max Bruch erklingt in seiner vollen Blüte.

Der Mut des jungen Dirigenten

Dieses Fliegen ist phasenweise auch bei Lahav Shani und seiner Interpretation der 5. Sinfonie von Anton Bruckner zu finden. Gerade mal 30 Jahre alt, ist der Jungdirigent schon mit fast allen «Grossen» aufgetreten, vom Holländer Concertgebouw bis zur Londoner Symphony.

Es braucht Mut, direkt nach den Wiener Philharmonikern unter Bernard Haitink, der zum Abschied am Freitag Bruckners «Siebte» intonierte, mit dem gleichen Komponisten aufzutreten. Doch genau dies macht das Lucerne Festival so spannend.

Kommt hinzu: Die meisten Referenzaufnahmen zu Bruckner stammen von Dirigenten, die dazumal die 50 überschritten hatten: Eugen Jochum, Sergiu Celibidache oder eben Haitink. Lahav Shani lässt sich nicht einschüchtern und geht eigenwillig seinen Weg. Den Bruckner bringt er mit vielen, partiell etwas theatralischen Pausen. Die Kontraste in der Lautstärke werde exzessiv ausgereizt. Dies führt, vor allem am Anfang, zu einer Stückelung, wo man sich mehr Fluss gewünscht hätte.

Das «Fliegen» kommt erst im zweiten Satze auf. Hier zieht Shani die nötigen weiten Bögen. Fordernd, ja fast schmerzhaft lässt er das «Adagio» fliessen. Ein fast religiöser Moment.

Auch in den anderen Sätzen gibt es viel zum Eintauchen und Abheben. Grossartig ist etwa die aufsteigende Welle im wuchtigen Finale. Shanis «theaterhafte» Lesart hat ihren Reiz und formt eine etwas ungewohnte, aber auch spannende Sinfonie. Eine Art Erdung, die dem Stück manchmal seine Weihe nimmt. Doch gibt es viel fürs Ohr und fürs Hirn. Dennoch: Der eine oder andere Zuschauer mag sich für die beiden Ecksätze nach Haitink gesehnt haben.