OBWALD: Auf dem Tanzboden der Volkskultur

Wieder lädt das Volkskulturfest bei Giswil zur Begegnung mit eigenen und fremden Traditionen: Flamenco-Tänzer treffen auf hiesige «Bödälär» und «Gäuerlär».

Stefan Christen Stefan Christen
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Schnelle Fusstechniken, hohe Ausdrucksstärke: Flamenco-Tänzerinnen und -Tänzer der Familia Bermudez aus Andalusien. (Bild: PD/Niklaus Spoerri)

Schnelle Fusstechniken, hohe Ausdrucksstärke: Flamenco-Tänzerinnen und -Tänzer der Familia Bermudez aus Andalusien. (Bild: PD/Niklaus Spoerri)

Es fing auf der lauschigen Waldlichtung Gsang bei Giswil vor sieben Jahren noch nicht allzu exotisch an: Erst kamen Musiker aus der Bretagne, ein Jahr später aus Rumänien, dann aus Sardinien. 2009 wagte Martin Hess (65), seit Beginn der Leiter des Volksmusikfestivals Obwald, den ersten Kontinentalsprung: Mit ihrer Taraab-Musik zu Gast waren Sansibari aus Ostafrika. «Jetzt spinnt er, jetzt holt er die Schwarzen hierher», tönte es an manchem Stammtisch.

Doch es funktionierte, auch ein Jahr später mit dem Mali-Blues. Es folgten asiatische Gäste aus Vietnam (2011) und, vielleicht bislang das grösste Wagnis, im letzten Jahr Mönche aus Bhutan, die für das Festival Obwald das Land verliessen, um zum allerersten Mal ihre liturgischen Gesänge ausserhalb der Heimat vorzutragen. Ihr rezitatives Gemurmel traf auf ein staunend lauschendes Publikum und wirkt auch sonst noch lange nach: In Stalden nahm Martin Hess mit den Mönchen eine CD auf (erhältlich bei www.buddhistmonksbhutan.com) – und im kommenden August wird er die Mönche gar in mehrhundertfacher Besetzung im Tashichho Dzong, einer festungsähnlichen Klosteranlage aus dem 13. Jahrhundert, in Thimphu in Bhutan aufnehmen.

Zurück in Europa

Programmatisch kehrt Obwald in diesem Jahr bei der Wahl des Gastlandes aber nach Europa zurück: Aus der südspanischen Region Andalusien kommen Flamenco-Tänzerinnen, begleitet von Sängern und Sängerinnen. Und wieder spielt bei Obwald jene Dreifaltigkeit, die dieses Festival so unverwechselbar macht: Die fremdländische Folklore begegnet auf der Waldlichtung Gsang der einheimischen, der obwaldnerischen und der schwyzerischen. Dem ausdrucksstarken Flamenco stellt Martin Hess die nicht minder frechen volkstümlichen Tänze gegenüber, bei denen ein Mann mit seinem Schuhwerk rhythmisch auf den Boden stampft und so um eine Frau wirbt. «Bödälä» sagt man in Obwalden, «Gäuerlä» heisst der Tanz in Muotathal.

In seiner Jugendzeit habe er die Tradition des «Priis-Bödälä» noch erleben dürfen, sagt der gebürtige Engelberger Martin Hess. «Ich habe damals selber mitgebödälät. Örgeler spielten auf, Paare begannen zu tanzen, und ein Tänzer umkreiste seine Tänzerin, dazu schlug er wild mit den Schuhen den Rhythmus.»

«Innere Essenz»

Zwar scheine dieser «wunderbare Brauch» heute weitgehend vergessen – «doch er schlummert immer noch in der Seele der Bewohner unserer Bergtäler», so Hess. Das Festival Obwald will also die Glut entfachen – auch indem es verschüttete Verbindungen sicht- und hörbar macht, die für Martin Hess zwischen vermeintlich ganz disparaten Volkskulturen bestehen. Er spricht in diesem Zusammenhang von einer «Haltung», einer «inneren Essenz», die in unterschiedlichen Ausdrucksformen von Volkskulturen als etwas Gemeinsames aufscheine.

Vielleicht ist es eine «Urmelodie», die etwa in der vietnamesischen Instrumentalmusik genauso mitschwingt wie in einem Naturjuiz (zumal beide auf der Naturtonreihe basieren). Und vielleicht ist es auch, wie in der Obwald-Ausgabe 2013, ein «Urrhythmus», der sich in den Tänzen aus Andalusien ebenso manifestiert wie in jenen aus der Innerschweiz. Ob dies tatsächlich so ist, werde aber erst das Festival zeigen, sagt Hess. «Die Entschlüsselung der Essenz findet im besten Fall auf der Bühne statt.»

Beinahe wäre es freilich dieses Jahr nicht zum Zusammentreffen von Flamenco-Tänzerinnen und «Bödälärn» gekommen. Als sich Martin Hess Anfang dieses Jahres nach Andalusien aufmachte, um nach passenden Formationen zu suchen, wurde er nämlich zunächst arg enttäuscht. Der Flamenco war zwar durchaus präsent – aber in erster Linie als «Business für Touristen», als kommerzielles Exportprodukt ohne Bodenhaftung.

Mit der Hilfe eines Barman

Martin Hess wollte schon Richtung Marokko weiterreisen, als er in einer Bar in Jerez de la Frontera, einer Stadt in der andalusischen Provinz Cádiz, mit dem Barman ins Gespräch kam. Seine Frau singe den Flamenco, erklärte dieser umgehend, aber einen «Palmero» (Handklatscher) kenne er auch und einen Gitarristen dazu. In Windeseile hatte der Mann eine Gruppe von Verwandten zusammengerufen, die nun als Familia Bermudez sowie mit weiteren Mitstreitern am Festival Obwald erstmals öffentlich auftreten werden. Als «Gitanos» – Angehörige der Roma, die vor langer Zeit in Spanien sesshaft wurden – seien sie in der echten Flamenco-Tradition verwurzelt, versichert Martin Hess. «Ich habe die Seele des Flamenco gefunden.»

Hinweis

8. Volkskulturfest Obwald, 4. bis 7. Juli: Andalusien, Muotathal, Obwalden – Flamenco, Gäuerlä, Bödäla.Waldlichtung Gsang bei Giswil, www.obwald.ch. 4. bis 6. Juli, je ab 20 Uhr (alle Abende ausverkauft), 7. Juli ab 11 Uhr (noch wenige Tickets erhältlich). Vorverkauf: Starticket, LZ Corner.

Mit den Formationen La Familia Bermudez, Maria Bermudez, El Rin, Pele, Ana & Coral de Los Reye, Carmen Herrera (alle Andalusien), Planggenbärghaier Engelberg, Obwaldner Bödälär, Echo vom Geissläzwick (Rickenbach/Illgau), Gebrüder Rickenbacher (Illgau), Ländlerkapelle Bürgler-Laimbacher (Illgau), Muotathaler Gäuerlär, Toni & Cornelia Büeler (Muotathaler Juiz), Jodlerklubs Echo vom Glaubenberg, Lungern und Alpnach, Natur Pur (Muotathaler Naturjuiz).

Video: Die Familie Bermudez tanzt den Flamenco. www.luzernerzeitung.ch/bonus