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OBWALD: Unterschied fördert Vertrauen ins Eigene

Schöne Stimmen und exotische Instrumentalklänge prägen die erste Woche von Obwald: Das Volkskulturfest in Giswil ist dieses Jahr besonders feierlich.
Pirmin Bossart
Inspirierter Kulturaustausch am Obwald-Festival: Jodlerclub Giswil mit einer Musikerin des Hon Viet Orchestra aus Vietnam. (Bild Manuela Jans)

Inspirierter Kulturaustausch am Obwald-Festival: Jodlerclub Giswil mit einer Musikerin des Hon Viet Orchestra aus Vietnam. (Bild Manuela Jans)

Pirmin Bossart

Ein paar wuchtige Schläge auf die grosse Trommel. Kleine Gongs beginnen zu klingen. Die Sängerin hebt an mit schriller Stimme. Eine Flötenmelodie schält sich aus dem rhythmischen Geschepper: So setzt die klingende Geschichte der Frau Suy Yan ein, die in die Fremde verkauft wird und dort vor lauter Kummer wahnsinnig wird. Rundherum im Bühnenhintergrund lauschen die bodenständigen Männer des Jodlerklubs Giswil, die gerade einen prächtigen Auftritt hatte------n, wie die zartgliedrigen Musikerinnen des Hon Viet Orchestra aus Vietnam dieses alte Volksepos musikalisch inszenieren.

Völkerverständigung

Man muss schon ans Obwald fahren, um solche Bilder erleben zu können. Sie sind berührend und bringen einen auch ins volkstümlich-ethnologische Sinnieren. Es sind Bilder und vor allem Klänge, die mit den Eigenarten von verschiedenen Kulturen zu tun haben, die einander kontrastieren und erhellen und die auch davon erzählen könnten, wie spannend die Welt wäre, wenn all das Unterschiedliche betont, eigenwillig gelebt und geformt und trotzdem in Respekt nebeneinander koexistieren könnte. Zumindest an den Obwald-Abenden scheint diese Art von Völkerverständigung intakt und inspirierend.

Und sie produziert nicht einfach ein rührseliges Mischmasch, sondern schärft den Sinn für das Eigene – auch bei den «andern». «Wir haben kaum je Gelegenheit, traditionelle Schweizer Volksmusik zu hören», sagt Tracy, die Vietnamesin, als wir ihr in der Pause hinter der Bühne begegnen. Sie lächelt. «Ja, sie klingt schon ziemlich fremd für uns.» Aber dieser grosse Unterschied zu ihrer eigenen Volksmusik in Vietnam fördere das Vertrauen zum Eigenen, hält die Musikerin fest. «Das motiviert uns, die Kultur zu zeigen, die wir selber haben.»

Archaische Gesänge

Das Volkskulturfest Obwald findet zum zehnten Mal statt und geht an zwei Wochenenden mit verschiedenen Programmpunkten über die Bühne. Wie immer wird auch kulinarisch breit aufgefahren, vom obwaldnerischen «Volkskultuirplättli» über sardische Gnocchi bis zu chinesischen Frühlingsrollen. Dieses Jahr kommen Länder und Regionen zum Zuge, die bereits einmal am Obwald aufgetreten sind. Am Donnerstag standen Vietnam, Sardinien, Muotathal und Obwalden im Mittelpunkt.

Sardinien war nur gerade mit dem Gesangsquartett Tenores di Bitti vertreten. Aber die vier Männer eroberten mit ihren Stimmen die Herzen des Publikums im Nu. Es ist ein archaisches Klangmaterial mit Anleihen an Oberton- und Kehlkopfgesang. Die Gesänge werden seit Jahrhunderten tradiert und sollen über 3000 Jahre alt sein. Eher mittelalterlich wirkte die traditionelle Kluft der Sänger mit den weissen Pluderhosen und -hemden, schwarz-roten Kutten und schwarzen Beinstrümpfen. Es sind nicht zuletzt die Trachten, die am Obwald die Buntheit und Verortung der Volkskulturen augenfällig machen. Da wirkten die polyphonen Gesänge mit ihrem so erdigen wie sakralen Touch zeitloser. Sie liessen niemanden unberührt, der Applaus toste.

Einheimische Natur pur

Aber das traf nicht minder für die nachfolgende Formation zu, die zeigte, dass in heimischen Landen Traditionen gepflegt werden, die von ihrem archaischen Ausdruck her das landläufige Ländler- und Volksmusikwesen weit hinter sich lassen. «Eigenständiger und eigenwilliger geht es nicht. Natur pur!», kündigte Moderator Fabian «Hefe» Christen die fünf jungen Muotathaler Männer von «Natur Pur» an, die auf die Bühne stiegen und ihre Naturjüüzli zum Besten gaben. Es waren kurze Stücklein, die da unverdrossen und in abenteuerlichen Polyphonien aus den Kehlen kamen und mit einem abschliessenden Kühreihen deutlich machten, wie das beim abendlichen Eintreiben des Viehs in den Gaden «näbenusse» akustisch so zu- und hergeht.

Mit hellen Stimmen juuzte auch das Duo Markus von Wyl & Daniel Ettlin, das mit dem vietnamesisch-obwaldnerischen Duo Nguyen Thi Trung und Tamara Riebli den Abend eröffnete. Die beiden zeigten, dass ein vietnamesisches Monochord und eine Jodelstimme durchaus Gemeinsamkeiten haben. Der Jodlerklub Giswil gefiel mit seinen kraftvoll-sensiblen Stimmen: heimelige Wogen der Wehmut aus einem glücklichen Land. Der Sound, der früher die Schweizer im Ausland ins Heimweh trieb. Aber eben, auch Vietnamesen wurden früher in der Fremde wahnsinnig.

«Siidhang» – Hanoi

Im Zeitalter des globalen Austauschs sind diese Gemütszustände erträglicher geworden. Oder sie werden durch Kooperationen sublimiert. Das zeigte das Finale, an dem die Vietnamesen mit der jungen Ländlermusik-Formation Siidhang aus Obwalden zusammenspannten. Seit dem ersten Auftritt der Vietnamesen am Obwald im Jahr 2011, wo auch Siidhang zu Gast war, brachen die Kontakte nicht ab. Notenmaterial wurde hin- und hergeschickt und auch mal gemeinsam geprobt. So kam es dazu, dass die Vietnamesen schweizerische und die Schweizer vietnamesische Melodien spielten. Das jaulte, vibrierte, schimmerte und ländlerte in erhabener Feierlichkeit.

Von der Waldlichtung Gsang, wo Obwald stattfindet, geht der Blick direkt zum Mittelpunkt der Schweiz. Vielleicht wird man von dort aus bald auch bis nach Hanoi blicken können.

HINWEIS

Das besprochene Programm vom Donnerstag wird heute wiederholt. Teile davon erklingen auch am Dienstag, 7. Juli, der vom Schweizer Fernsehen aufgezeichnet wird. Im Programm vom 9., 10. und 11. Juli sind neben Obwalden Andalusien, Bhutan, Fribourg, Bern und das Toggenburg vertreten (jeweils ab 20 Uhr). www.obwald.ch

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