Wenn der Theaterregisseur Corona hat, fällt das Kinderstück ins Wasser - in Zürich gab's trotzdem eines, fast ohne Proben

Nicolas Stemann hatte Corona, und sowieso: Weihnachtsmärchen nur für 50 Kinder? Das Schauspielhaus Zürich disponiert mutig um. Statt «König der Frösche» nun halt in drei Tagen einstudiert: «Versammlung für einen Frosch».

Julia Nehmiz
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Bild: Schauspielhaus Zürich

Wo sonst der Zuschauerraum im Pfauen vor Erwartung, Vorfreude und Lärmen vibriert, ist es am Samstag erstaunlich still. Anstatt 750 (zumeist ganz junger) Zuschauerinnen und Zuschauer dürfen ja nur noch 50 ins Schauspielhaus Zürich. Auch das mit ein Grund, warum jetzt eben nicht das Weihnachtsmärchen «König der Frösche» gezeigt wird, sondern die «Versammlung für einen Frosch», eine Lesung am Lagerfeuer. Knapp drei Tage hatte das Ensemble um Co-Intendant und Regisseur Nicolas Stemann Zeit zum Proben. Mit dem Mut der Verzweiflung und dem unbedingten Willen, Theater zu spielen, gerade auch für das junge Publikum, stürzt sich die Schauspielhaus-Crew ins spontan entwickelte Ersatzprogramm.

Denn mitten in die Endproben hinein erkrankte Nicolas Stemann an Corona. Nur leicht, nur milde Symptome, versichert Co-Intendant Benjamin von Blomberg. Trotzdem: Die wichtigen Endproben fielen komplett aus. Und sowieso hatte man Zweifel, ob das Format einer grossen Inszenierung auf grosser Bühne in Pandemiezeiten überhaupt passend ist. Für viele Kinder und Jugendliche sei das Weihnachtsmärchen der erste Besuch im Pfauen überhaupt, so Benjamin von Blomberg. Doch die Schulämter hätten schon abgewunken, ein Besuch wie sonst liegt für Schulklassen diesen Winter nicht drin. Und eben, was für eine Atmosphäre kann in den kaum besetzten Reihen entstehen? Doch weil Stemann den unbedingten Willen hat, für junges Publikum Theater zu machen, nutzte er seine Quarantäne, um ein neues Stück zu schreiben, neue Lieder zu komponieren: «Die Versammlung für einen Frosch». Ein kleineres, zarteres Format, geprobt wurde seit Donnerstag und bis direkt zur Premiere am Samstag.

«Wann spielen die endlich ein Märchen?»

Ob das funktioniert? Oh ja. Ein mutiges, anarchisches, liebevolles Ersatzprogramm. Sechs schräge Märchenfiguren treffen sich am Lagerfeuer: der Jäger, der nicht schiessen will, der Märchenonkel, der Storyteller werden will, ein Zwerg, der immer noch nicht zählen kann, dazu Brex der Hex, ein Frosch und Gretel. Und Nicolas Stemann an Klavier und Gitarre. Sie weinen, weil ihr Märchen abgesagt wurde, und stürzen sich in absurd-komische Märchenfortschreibungen. Das holpert auch mal, aber egal: Die Akteure werfen sich ins Spiel, die Figuren sind liebevoll und erstaunlich genau gezeichnet, und sowieso: Lebt Theater nicht auch einfach im Moment?

Nur ein gutes Dutzend Kinder mit vielen Erwachsenen schaut die Premiere. Ein Kind in Reihe zehn fragt verwundert, ob das denn wirklich für Kinder sei. Ja klar, antwortet sein Papa, schau, da vorne sitzt noch ein Kind. Allerdings wird nun kein Stück linear erzählt, und manche überfordert das. «Wann spielen die endlich ein Märchen», jammert ein Mädchen mehrmals. Und doch, auch sie steigt später voll ein. Das Wunderbare passiert: Die Kinder gehen mit. Sie korrigieren den Frosch, der nicht zählen kann, eine verrät den Räuber an die Polizei, ein Bub gibt sich als Hirnforscher aus. Das künstliche Lagerfeuer auf der Bühne knistert ­– und das Theater selber wird zum Lagerfeuer, das uns wärmt und träumen lässt.