Kabarett
Ohne Rolf feiern Bühnencomeback: «Sätze wie ‹Eigentlich ist es gut zu sterben› funk­tionieren momentan einfach nicht»

Als die Theater aufgingen, wurde es für die Plakatkünstler Ohne Rolf todernst. Die vor zwei Jahren schon auf den 21.4. angesetzte Premiere ihres Stückes «Jenseitig» im Luzerner Kleintheater wurde plötzlich Realität. Über eine überstürzte Rückkehr ins Bühnenbusiness.

Julia Stephan
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Eine Ode an Freundschaft und Zweisamkeit und gar nicht nur düster ist das neue Programm von Ohne Rolf.

Eine Ode an Freundschaft und Zweisamkeit und gar nicht nur düster ist das neue Programm von Ohne Rolf.

Bild: Beat Allgaier

Sie brauchen die Stimme ihres Pu­blikums. Ihre eigene haben sie schon vor 21 Jahren an den Nagel gehängt. Christof Wolfisberg und Jonas Anderhub vom Kabarettduo Ohne Rolf lassen bei jeder Aufführung Hunderte Plakate für sich sprechen. Dass ihre Botschaften in Arial mehr Emotionen transportieren als manch gut geölte Comedianstimme, liegt an ihrem beispiellosen, anarchischen Umgang mit Typografie. Der Subtext einer Stimme, ihre unterschwellige Traurigkeit oder Heiterkeit kann man überhören – bei Ohne Rolf überliest man die Wut nie, wenn sie sich in fetten Lettern Aufmerksamkeit verschafft.

Zur Ankündigung des Bundesrats, ab 19. April die Theater wieder zu öffnen, hätten die zwei laut ihrer Managerin Barbara Anderhub erst einmal nicht viel gesagt. Sie seien erbleicht. Seit zwei Jahren stand fest, dass ihr fünftes Programm «Jenseitig» am 21. April im Luzerner Kleintheater Premiere feiern würde. Nun blieb ihnen noch eine Woche zum Proben. Die Künstler, die ohne Pandemie auf Tournee im In- und Ausland bis zu zehn Aufführungen pro Monat abspulen, hatten die vergangenen Wochen für die Entwicklung ihres Programms zwar intensiv genutzt. Doch Christof Wolfisberg stellte dabei fest:

«So einen Endprobentunnel kannst du nicht künstlich herstellen. Wir brauchen, um Dinge abzuschliessen,
ein Messer am Hals.»
Christof Wolfisberg

Christof Wolfisberg

zvg

Testvorstellungen vor bis zu 150 Menschen? Unmöglich. Ein paar Mal habe man vor 20 Menschen plakatiert. «Wir haben Gags rausgeschmissen, weil wir nicht wussten, ob sie beim Publikum ankommen würden», sagt Wolfisberg. Bei der Hauptprobe zwei Tage vor der Premiere stand man erstmals vor 50 Helferinnen und Helfern des Luzerner Kleintheaters.

Thema «Tod»: Während der Pandemie gar nicht so jenseitig

Da wurde Ohne Rolf klar, dass ihr vor zwei Jahren gewähltes Jenseitsthema Tod angesichts der diesseitigen Pandemie ein echtes kommunikatives Problem darstellt. Ohne Rolf, die ihre Programme losgelöst von jedem po­litischen und gesellschaftlichen Kontext auf eine philosophische Ebene ­hieven – ein Grund, warum sie auf ­China-Tournee verstanden werden und ihre Stücke kein Verfallsdatum besit­zen –, merkten plötzlich, dass ­Menschen im Raum sitzen. Menschen, die Angehörige verloren hatten und ­jeden Satz auf ihre eigene Realität bezie­hen. Jonas Anderhub dazu:

«Sätze wie ‹Eigentlich ist es doch noch gut zu sterben› funk­tionieren momentan einfach nicht.»

Ohne Rolf können sich aber nicht einfach einen Satz verkneifen. Dinge anders zu sagen, bedeutet für ihren Techniker vor allem: Arbeit. Layouten, drucken, lochen, Papierstapel neu sortieren. Schon während des Lockdowns konnten die zwei deshalb nicht spontan flotte Corona-Gags auf Insta, Twitter und Facebook veröffentlichen wie ihre Kollegen. Ein Streaming ohne Ton, wie kürzlich beim Auftritt bei «De­ville», sah eher wie eine würdevolle Andacht aus:

Auftritt von Ohne Rolf bei der Sendung «Deville» vom 21.3. 2021.

Quelle: SRF

Bei der Premiere von «Jenseitig» im Luzerner Kleintheater fanden die zwei vor 50 Stimmen dann doch noch den richtigen «formalen Ton», um die Geschichte vom verstorbenen Jonas aus dem Vorgängerprogramm «Seitenwechsel» weiterzuerzählen.

Alles Bedeutungsschwere darf herunterplumpsen

Erstmals in seiner Karriere gibt das Duo dem Erzählen viel Raum. Neben dem üblichen Spiel mit Typografie auf weissen Plakaten setzen die beiden auf Requisiten und Schauspiel. Der zurückgebliebene Christof Wolfisberg trinkt grimmig Konfetti, Symbol für freudige Sinneszerstreuung, in Schnapsgläsern auf Ex, er zerschneidet und hackt seinen Verlustschmerz mit einer Schere in die Papierbögen und bastelt sich einen Papiergalgen. Klar, dass der schwer Trauernde in seiner Schwermütigkeit notgedrungen herunterplumpsen wird. Wie überhaupt alles Bedeutungsschwere an diesem Abend einfach herunterplumpsen darf. Eine ungeheure Entlastung für das trauerbeschwerte Publikum.

Während Wolfisberg komische Satzfetzen betet, erscheint sein geistreicher Bühnenpartner Jonas Anderhub als Geist. Erst seine Wolfisbergs Gebet ergänzenden Plakatsätze machen für alle lesbar: Wolfisbergs Gebetsfetzen sind in Wahrheit Pointen, denen der Witz gefehlt hat. Magisch, wie das Thema vom Verlust des Partners, der auch einen Sinnverlust darstellt, plötzlich unausgesprochen im Raum steht. Witzig, wie die von Wolfisberg zu Mozarts Totenmesse gehaltene Grabrede die Universalität von Trostfloskeln ad absurdum führt. Auch wenn der Mann «an seiner Seite» tatsächlich stehts an seiner Seite stand.

Eigentlich ist dieser Abend eine Ode an Freundschaft und Zweisamkeit. Das macht ihn ungeheuer tröstlich. Das «Jenseits» ist kein religiöses Konzept, sondern eine Glaubensfrage, die von den beiden mit allerlei Vorstellungen bevölkert wird. Anderhub und Wolfisberg spiegeln im Dialog ihre Jenseits- und Gottesvorstellungen. Und stellen fest: Das Jenseits ist auch nur die andere Seite von einem Blatt. Und davon haben sie ganz schön viele.

Ohne Rolf: «Jenseitig». Bis 8. 5., Kleintheater Luzern; 19.–21. 5., Kellerbühne St. Gallen. Vollständiger Tourneeplan auf www.ohnerolf.ch

Video: Tele 1