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OPER: Der Riss durch sein Gesicht

Der grosse Schweizer Komponist Heinz Holliger hat eine neue Oper geschrieben. Er befasst sich in «Lunea» mit dem romantischen Dichter Nikolaus Lenau und dringt damit erneut in die Welt eines Aussenseiters ein.
Martin Preisser
Komponist Heinz Holliger im Gespräch über seine neue Oper «Lunea». (Bild: Frank Blaser)

Komponist Heinz Holliger im Gespräch über seine neue Oper «Lunea». (Bild: Frank Blaser)

Martin Preisser

Mitte Februar auf der Studio­bühne des Opernhauses Zürich: Heinz Holliger dirigiert erstmals einen Durchgang nur mit dem Orchester durch seine neue Oper «Lunea». Er ist gut gelaunt und auf­geräumt, lädt die Musizierenden zur ersten «abenteuerlichen ­Reise» ein. Über neunzig Minuten entsteht eine faszinierend farbige Musik von grosser suggestiver Wirkung. Die Partitur ent­wickelt sich nicht linear. Die Musik wirkt – der jeweiligen Opernsituation psychologisch sehr genau angepasst – wie eine Folge von Zeitinseln. Und einzelne Instrumente scheinen selbst zu Solisten in der Oper zu werden.

Heinz Holliger vereint in seiner Person begnadet den Oboisten, den Komponisten und den Dirigenten. So nimmt er für seine neue Oper selbst den Dirigierstab in die Hand. «Da ich ja als Instrumentalist und Dirigent aufs engste mit dem ­lebendigen Klang verbunden bin, glaube ich, die neuen Spieltechniken wirklich gut zu kennen», sagt der 78-jährige Musiker.

In dieser Oper hebt sich die Zeit auf

«Ein Riss durch mein Gesicht. Nicht reden! Nicht reden. Leis und leiser, müd zum Grunde», schreibt der Dichter Nikolaus ­Lenau. Am 29. September 1844 trifft ihn ein Schlaganfall. In der Oper «Lunea» bildet dieser Moment die zentrale Achse, von der aus der Komponist Leben und Empfindungswelt des Dichters zeitlich vor- und zurücklaufen lässt. Und nicht nur das. «In dieser Oper gibt keine Einheit mehr von Ort und Zeit. Die Zeit hebt sich auf. So kann in einem musikalischen Moment ein ganzes ­Leben enthalten sein, und eine lange musikalische Fermate kann einen ganz kurzen Moment ausdrücken. Die Zeit, wie ich sie in ‹Lunea› empfinde, ist keine Gerade», sagt Heinz Holliger. «Die Musik hat etwas vom Denken in Spiralen, wie ich es an Robert Schumann so bewundere.»

Nach dem Schlaganfall fällt Nikolaus Lenau in geistige Umnachtung. Mehr als von den ­Gedichten des Romantikers ist Holliger von Lenaus «Notizbuch aus Winnenthal», einer psychiatrischen Anstalt, angetan. «Das sind Gedankenblitze, die selbst schon schönste Wortmusik sind», sagt der Komponist. Dieses Gedankenblitzartige hat auch der österreichische Librettist Händl Klaus konsequent in der Text­fassung herauskristallisiert.

Mit Lenau hat sich Holliger schon einmal beschäftigt und vor fünf Jahren einen Zyklus unter dem gleichen Namen «Lunea» für Bariton und Klavier komponiert. Das neue Werk will er nicht als zur Oper erweiterten Liederzyklus verstanden wissen. Aber schon in der Liedfassung vertont er Lenaus Gedankenblitze als Art Lebensblätter. 23 solcher Blätter bilden auch das Gerüst der Oper.

«Der Mensch ist ein Strandläufer am Meer der Ewigkeit», notiert Nikolaus Lenau. An dieser ­Grenze, an diesem Strand bewegt sich auch Heinz Holligers musi­kalisches Denken und seine Ein­fühlung für romantische Künstler, die sich in Grenzsituationen bewegen, in einer psychischen Krankheit untergetaucht sind. Holligers grosser «Scardanelli»-Zyklus etwa nähert sich der Welt von Friedrich Hölderlin. Seine letzte Oper «Schneewittchen» begibt sich in die Welt von Robert Walser. Und jetzt Nikolaus Lenau, in dessen Kopf nach dem Schlaganfall sich der Komponist quasi hineinbegibt.

Es würde allerdings viel zu kurz greifen, wenn man Holligers kompositorisches Interesse auf ein Interesse am psychisch Krank­sein reduzieren wollte. Der Komponist sagt selbst: «Mich inte­ressiert nicht das sogenannte psy­chische Kranksein. Mich fasziniert an einer Figur wie Lenau, dass sie fessellos ist, nicht von ­sozialem Zwang beengt. Ein Künstler wie Lenau ist nicht durch Konventionen eingeschränkt oder die Eigenzensur, was man zu ­fühlen hat und was nicht.»

Den Schritt in unbekannte Sphären der Gedanken

So lotet die Musik von «Lunea» eben nicht psychische Ausnahmezustände aus, sondern Grenz­zustände, Grenzerfahrungen, Schnittstellen in der Genialität eines Künstlers zwischen Dasein und Entrücksein, vielleicht auch zwischen Diesseits und Ewigkeit. Im Gespräch mit dem Komponisten fällt immer wieder der Begriff der Janus-Gesichtigkeit, des Doppelten im Denken und Fühlen. Dieser Schritt von der Konvention in unbekannte, geheimnisvolle Sphären der Gedanken ist es, den Holliger mit seiner so sinn­lichen wie hoch intellektuellen Musik einfangen will.

So viel Auseinandersetzung mit geistigen Extremsituationen bedeutet für einen Komponisten immer auch die Auseinander­setzung mit den eigenen Grenz­erfahrungen der musikalischen Fantasie und Kreativität. Wie weit geht da die Identifikation des Komponisten mit seiner Hauptfigur in der Oper? Heinz Holliger sagt: «Ich finde beim Auskomponieren des Stoffs und bei der Fantasie um die Figur nichts, was ich nicht selbst in mir hätte.»

Was «Lunea» nicht sein will, ist eine Oper über das Leben von Lenau. Was «Lunea» will, ist dieses genaue, sensible Eindringen und Fassen der Gedankenblitze des Dichters, der sechs Jahre nach seinem Schlaganfall gestorben ist. «Lunea» präsentiert eine Musik von grosser Dichte und psycho­logisch faszinierender Eindringlichkeit. Aber es ist keine leichte Musik. «Mit der Oper gehe ich weiter, als ich je auf der Bühne gegangen bin», sagt Heinz Holliger. «Und als Zuhörer muss man für diese Musik innerlich still werden und wieder lernen, staunend wie ein Kind zu hören.»

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