OPER: Dieser Tamino rührt auch ohne Tränen

Auch sein Tamino kann die Apokalypse nicht verhindern. Und doch macht der Luzerner Mauro Peter mit einem starken Ensemble die Zürcher «Zauberflöte» zum Ereignis.

Urs Mattenberger
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Agiert nicht, aber singt wie ein Held: Mauro Peter mit den drei Knaben des Tölzer Knabenchors. (Bild: Opernhaus/ Hans Jörg Michel)

Agiert nicht, aber singt wie ein Held: Mauro Peter mit den drei Knaben des Tölzer Knabenchors. (Bild: Opernhaus/ Hans Jörg Michel)

Wieso ist Mozarts «Zauberflöte» die meistgespielte Oper? Im Magazin des Opernhauses Zürich, wo das Stück Premiere hatte, erklärt Intendant Andreas Homoki: Werke wie dieses seien so reich, dass die Regie darin immer wieder neue Blickwinkel mit Bezug zur Gegenwart entdecken könne.

Tatsächlich zeigt die Inszenierung von Tatjana Gürbaca einen solch neuen Blick. Klaus Grünberg baute dafür mit viel Liebe zum Detail ein apokalyptisches Szenarium auf die Bühne. Eine Haushülle steht für die Zerstörung der Zivilisation, die die Menschen in einen archaischen Urzustand zurückkatapultiert hat. Darin sind alle Unterschiede aufgehoben: Während der Ouvertüre jagen sich Frauen und Männer – das spätere Personal der Oper – im Techtelmechtel kreuz und quer durch die Ruinen. Zwischen den Menschen stochern gleichberechtigt Hühner zwischen Lagerfeuern und herumliegendem Geäst. Dass die drei Damen Schnauz und Bärtchen tragen, zeigt, dass selbst die Unterscheidung zwischen den Geschlechtern wankt.

Auch Frauen sind anders und Opfer

Statt einer Schlange geistert in der Bildnisarie, in der der Luzerner Tenor Mauro Peter seinen ersten grossen Auftritt hat, Pamina als Projektion über die lotterigen Hausfassaden. Bis sich das Spiel mit dem Auftritt Sarastros wendet. Er beugt sich als Baumeister über die Pläne, nach denen die Sonnentempler das Haus in Stand setzen. Und plötzlich hat alles, Mann und Weib, Herr und Diener, Mensch und Tier seinen Platz. Die wilden Gehölzer und Hühner sind weggeputzt, die aufgeklärte Welt entpuppt sich als Gefängnis, in dem Menschen wie du und ich paarweise brav an ihren Tischchen sitzen.

Dass man die Aufklärung dialektisch entzaubert, ist nicht neu. Aber Gürbaca schärft die Perspektive in doppelter Richtung. Opfer der neu etablierten Ordnung sind alle, die anders sind. Der schwarze Monostatos wird zu einer zentralen Figur, wenn Gürbaca ihn in gestelztem Intellektuellendeutsch über den Fluch und die Chancen des Andersseins dozieren lässt. Aus der Sicht der Männer anders sind auch die Frauen. Ihnen wird – wie der Königin der Nacht – die Macht vorenthalten. Oder sie werden – wie Pamina als Erbin des Sonnenkreises – zur «Legitierung» der Macht missbraucht, wie Gürbacas Textergänzungen penetrant klar machen.

Verliebt ins Verliebtsein

Das spannende Konzept bietet zwar viel Raum auch für überraschende Wendungen und Spässe. Aber es hat schwerwiegende Konsequenzen für die zentralen Figuren. Die kämpferische Pamina und der Zauderer Tamino bleiben sogar in den seltenen Momenten, wo sie zueinander finden, ratlos distanziert. Wie kann man Emotionen über die Rampe bringen, wenn wie hier die Angebetete mehr mit Monostatos (in der Ouvertüre) und dem schillernden Papageno flirtet, dem Tamino aber gleichgültig-irritiert begegnet und ausweicht? Damit habe er keine Probleme, sagt Mauro Peter, der seit letztem Jahr Ensemblemitglied in Zürich ist: «Es ist ja eine seltsame Liebe, die zwischen den beiden abläuft. Sie haben kaum Gelegenheit, sich kennen zu lernen.» Eine Schlüsselszene dafür ist eben die Bildnisarie: «Tamino verliebt sich allein aufgrund eines Bildes in Pamina. Das würde mir selber nicht passieren», lacht Peter. Das heisst, dass Tamino im Grunde nicht diese Frau liebt, sondern sich ins Verlieben als ein für ihn gänzlich neues Gefühl verliebt.»

Weil dieses überwältigend ist, ist Mozarts Musik dazu dennoch echt und wahrhaftig. Und so singt Mauro Peter das auch: Mit einer schlanken Stimme, die geschmeidigen Schmelz mit einer überraschenden Fülle zu berührenden emotionalen Höhepunkten verbindet – und damit der Figur mehr Statur gibt, als ihr die Regie zugesteht. Damit fügt er sich nahtlos ins exzellente Ensemble ein: Mari Eriksmoen gibt der Pamina energische Vitalität, Sen Guo verleiht der Königin der Nacht über allen Koloraturzauber hinaus menschliche Züge, Christof Fischesser gibt dem Sarastro ohne Weihepathos straffe Kontur. Michael Laurenz als Monostatos – hier «anders» durch seine Ganzkörperbehaarung – und Ruben Drole als moderne Papageno-Variante bringen abgründige Komik mit ins Spiel. Und das Barock-Orchester La Scintilla unter der Leitung von Herrmann Cornelius verleiht der Musik mit raschen Tempi und farbigen Akzenten ein Höchstmass an Direktheit und Theatralik.

Unter dem Strich ist es eben doch nicht die Regie, sondern die Musik, deretwegen ein solches Werk immer wieder aufgeführt wird – auch wegen der grossen Gefühle, wie man sie «im Alltag zwar nicht dauernd erlebt», die aber Peter an der Oper liebt. Den bekennenden Mozart-Tenor fasziniert, dass damals überhaupt Emotionen noch viel direkter ausgelebt wurden: «Wenn einer eine Frau liebte, ging er schon mal vor ihr auf die Knie. Und wenn er abgewiesen wurde, flossen Tränen», weiss er aus Biografien jener Zeit. Und lacht: «Heute dagegen schickt man schnell ein Whatsapp, um zu sagen, dass man keine Zeit und Lust hat. Und das wars dann auch schon.»

Urs Mattenberger

HINWEIS

Vorstellungen bis 11. Januar 2015. Infos und VV: www.opernhaus.ch