Star-Sopranistin Julie Fuchs: «Ich weiss, wo meine Stimme in vier Jahren stehen wird»

Die französische Starsopranistin Julie Fuchs singt in Zürich die Norina im «Don Pasquale». Unter dem Hashtag #operamom schreibt sie in den Sozialen Medien darüber, wie man im Opernbetrieb als Mutter klar kommt.  

Tobias Gerosa
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Hat eine Bilderbuchkarriere hingelegt: die französische Sopranistin Julie Fuchs.

Hat eine Bilderbuchkarriere hingelegt: die französische Sopranistin Julie Fuchs.

Bild: PD

«C’est la comédie, vous savez!» Wer die Sopranistin Julie Fuchs auf der Bühne kennt, erkennt die Französin auch in Zivil: Nicht optisch. Ihre auffällige Brille passt zu kaum einer Rolle, Jeans und Wollpulli sind so normal wie das grosse Glas Tee, an dem sie im nüchternen Probengebäude des Opernhauses in Zürich West ihre Finger wärmt. Aber in ihrer Art – quirlig, französisch rasch, unkompliziert, aber dezidiert – erkennt man die Rollen wieder. «In jeder Figur finde ich etwas, woran ich persönlich anknüpfen kann», sagt sie, und man zweifelt nicht ­daran.

2013 kam sie für zwei Jahre fest ins Ensemble des Opernhauses. Es war eine Art Festanstellung. Sie bedeutete Sicherheit, aber auch die Gefahr, dass man andere Engagements dafür ablehnen muss. Und die Anfragen kamen. Während andere Ensemblemitglieder jahrelang Kleinstrollen singen müssen, bekam Julie Fuchs auch in Zürich rasch grössere Aufgaben wie die Morgana neben Cecilia Bartolis Alcina oder die Susanna in Mozarts «Figaro» – und rasch war sie weg. Ein Vertrag des Edellabels Deutsche Grammophon und Anfragen in München und Paris winkten. Dort singt sie auch, am Opernhaus ist sie wieder regelmässig zu hören: Mittlerweile aber in den Hauptrollen wie ab nächster Woche als Norina in Gaetano Donizettis «Don Pasquale».

Wegen Schwangerschaft verlor sie die Rolle

Letztes Jahr sollte Fuchs an der Hamburgischen Staatsoper als Pamina debütieren – «diese Rolle fehlt absolut in meinem Repertoire!». Doch vier Tage vor Probenbeginn lud man sie aus. «Ich fragte, was soll ich denn als Begründung angeben?» Sie schrieb die Wahrheit, eine technische Begründung des deutschen Schwangerschaftsschutzes und angeblich künstlerische Gründe, warum die Inszenierung nicht angepasst werden könne, «aber das haben sicher Männer am Schreibtisch entschieden». Ihre Begründung schlug hohe Wellen, vor allem meldeten sich über Social Media viele Frauen, die Ähnliches erlebt hatten. Fuchs beteiligte sich nicht an den Diskussionen: «Doch ich merkte, dass es da um mehr ging als nur um meinen Einzelfall. Wegen diesem allein hätte ich die hohen Anwaltskosten nicht auf mich genommen. Nun haben wir gewonnen.»

Diese Vollzugsmeldung war Fuchs’ zweiter Post in den sozialen Medien zu diesem Thema – die Affäre hat ihr und dem Anliegen viel Aufmerksamkeit gebracht.

Kind und Oper – für sie kein Problem

Heute postet Fuchs unter dem Hashtag #operamom, wie sie den Berufsalltag mit ihrem Kind schafft, ein festes Kindermädchen hilft ihr dabei. Geändert habe sich, seit sie Mutter geworden ist, wenig – ausser dass die Abgrenzung von Beruf und privat jetzt einfacher sei, weil sie zu Hause mit Kind rascher in eine andere Welt komme. Am Abend nach dem Interview postet sie ein Bild von sich mit Kind auf der Opernbühne, die Botschaft ist klar: Es geht.

Wie schafft es eine lyrische Koloratursopranistin, eine internationale Karriere zu machen? Anders als bei Heldentenören oder tiefen Bässen drängen in diesem Stimmfach jedes Jahr Tausende junger Sängerinnen auf den Markt. Fuchs hat es geschafft «Ich arbeite gerne, ich liebe Proben...» An das Märchen von der Debütantin, die spontan für eine andere Sängerin einspringt und Erfolg hat, glaubt sie nicht.

Dann kommt sie doch noch auf ihre Abschlussprüfung am Pariser Konservatorium zu sprechen, in der die Agenten auf Trüffelsuche sind: «Ich habe mich da mit einer ganzen Gruppe von Freunden als Orchester hingestellt und wir haben ein Programm performt, das anders war – einfach das, worauf wir gemeinsam Lust hatten. Das hat mich vielleicht abgehoben.» Teamwork bleibt ihr wichtig, und mittlerweile ist sie in einer Position im internationalen Markt, in der sie sich leisten kann, ihre Engagements auch nach den beteiligten Kolleginnen und Kollegen auszusuchen.

Natürlich ist da die Stimme. Fuchs’ Sopran hat Leichtigkeit und Beweglichkeit, doch dazu kommt eine lyrische Qualität und Wärme, die sie abhebt von vielen Sängerinnen. Im internationalen Opernsystem werden Verträge vier bis fünf Jahre im Voraus unterschrieben. Wie kann man gerade als noch junge Sängerin planen? «Ich weiss, wo meine Stimme in vier Jahren stehen wird», sagt Fuchs selbstbewusst. Sie spürt das und wird unterstützt von ihrer Stimmtrainerin: «Auch wenn ich die Antwort immer schon weiss, die sie mir geben wird.»

In mehreren Opernwelten unterwegs

In Zürich arbeitet Fuchs mit Regisseur Christof Loy, einem avancierten Vertreter des sogenannten Regietheaters, darauf folgt bald eine «Cosi fan tutte» in Wien mit dem als konservativ bekannten Dirigenten Riccardo Muti und seiner inszenierenden Gattin. Zwei Opernwelten? «Ich bin nicht die Rolle, die ich spiele. Ich dachte lange, als Darstellerin machte ich die Figur. Aber es ist umgekehrt. Ich kann mich da ganz in die Rolle zurückziehen und mich von vielem distanzieren.»

Das französische Wort dissocier klingt stärker als das deutsche zurückziehen. Und dann kommt der Satz: «In jeder Figur finde ich etwas, woran ich persönlich anknüpfen kann.» Was das für Donizettis Don Pasquale und Fuchs’ erste Norina, diese unbeschwerte, freche, sich leicht verliebende junge Frau heisst, will sie allerdings noch nicht sagen: «Dafür müssen Sie in die Premiere kommen.»

«Don Pasquale». Opernhaus Zürich. Premiere: 8.12. Nächste Termine: 12./15./21./26.12. www.opernhaus.ch