Opernhaus Zürich
Zu viel Last auf der Primadonna – «Anna Bolena» verlangt mehr als nur Durchschnitt

Genf und Zürich zeigen schöne Produktionen von Gaetano Donizettis «Anna Bolena»: Aber diese Oper überfordert beide Häuser.

Christian Berzins
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Wer Gaetano Donizettis (1797–1848) Oper «Anna Bolena» mit dem Prinzip Hoffnung auf den Spielplan eines Tophauses stellt, riskiert viel. Wie in Genf zu hoffen, dass eine junge Sängerin in der ungemein schwierigen Titelrolle triumphieren wird, oder zu glauben wie in Zürich, dass eine reife Koloratursopranistin beim Rollendébut die legendären Vorgängerinnen übertrumpft, ist gewagt.

Das Resultat kann nur im Durchschnitt enden. Doch Mittelmass erträgt dieser grossartig langfädige Belcanto nicht: Dann wird der Abend lang und länger, die Tongirlanden blass und blässer, die Regie ideen- und ideenloser. Und so war es vor kurzem in Genf – und so ist es nun am Opernhaus Zürich. Die beiden grössten Schweizer Opernhäuser tun ihr Bestes, aber das reicht für «Anna Bolena» nicht.

Diana Damrau als Anna Bolena.

Diana Damrau als Anna Bolena.

Toni Suter/Opernhaus

In Zürich debütiert die 50-jährige Diana Damrau in der Rolle der unglücklich liebenden Königin Anna Bolena, in Genf war es die 30-jährige, vermeintliche Alleskönnerin Elsa Dreisig. Bei der Jüngeren wird aus dem anfänglichen Buchstabieren der Töne irgendwann ein Singen, im Finale gar ein sanftes Eindringen in die Rolle. Da ist Damrau in Zürich viel weiter, aber ihr Gesang hat keine Linie: Mal ist’s eine Feier des Leisen, aber es fehlt die seiltänzerische Sicherheit.

Die Sympathieträgerin muss zum Schafott

Aber in diesem Werk hängt nicht nur stimmlich alles an der Titelfigur, sondern auch szenisch: Anfänglich ist Anna die Sympathieträgerin, denn der König will sie loswerden, liebt er doch ihre Hofdame. Sein Intrigenspiel geht auf, zum Schluss schreitet Anna zum Schafott – nicht ohne im Wahnsinn die schönsten Töne von sich zu geben.

Da können die anderen nur noch schweigen, auch wenn sie während der vorherigen drei Stunden mit der Primadonna singen und gegen die Primadonna ansingen: Die eine tut das in Genf etwas besser, die andere in Zürich – da wie dort auf hohem Niveau. Und würde Stefano Montanari nicht das Orchestre de la Suisse Romande, sondern anstelle von Enrique Mazzola das Opernhausorchester dirigieren, hätte man wohl auch das Gelbe vom Ei.

Genf denkt weiter, zeigt nicht «nur» «Anna Bolena»

Genf zeigt seit zwei Jahren mutige, bisweilen übers Ziel schiessende Regieansätze. Wenig erstaunlich aber, dass sich die Regien in diesem Belcanto-Werk, wo die Sängerinnen und Sänger im Vordergrund stehen, hier wie da gleichen. Mariame Clément zeichnet in Genf genauer, sodass jede Regung stimmt, die Figuren sich immer spannungsgeladen gegenüberstehen. Aber die Arbeit von Regiestar David Alden in Zürich hat dank auftrumpfender Details mehr Kraft, mehr Pracht – mehr Wirkung. Hier wie da triumphiert die Ästhetik, die Handlung wird klug und stringent erzählt.

Typisch Genf allerdings beziehungsweise typisch Intendant Aviel Cahn: In drei Spielzeiten zeigt man grossartigerweise alle drei Königsdramen Donizettis (Roberto Devereux und Maria Stuarda), um sie dann innerhalb weniger Tage integral aufzuführen. Nicht nur das: Das weibliche Gesangsduo soll jedes Mal mitsingen.

Noch ist Zeit, sich mit Gaetano Donizetti zu beschäftigen – und etwas älter zu werden. Dass die Vergangenheit gross ist, wurde nicht nur den Opernfreunden in Zürich schmerzlich bewusst: Das Opernhaus widmete die Aufführung dem Andenken an die am 18. Oktober verstorbene Belcantokönigin Edita Gruberova.

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