Opernlegende
Als mir die Diva sagte: «Jetzt fange ich gleich an zu weinen»

Christa Ludwig (1928–2021) war eine Operndiva, die noch mit Maria Callas Triumphe feierte, und die wusste, wann es Zeit war, abzutreten

Christian Berzins
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Christa Ludwig: 1928-2021.

Christa Ludwig: 1928-2021.

Georg Hochmuth / APA

Es gibt Menschen, von denen unsereiner denkt, sie sterben nie, sie gehören immer und ewig dazu. Dazu zählen unsere Eltern. Und dazu gehörte die Opernsängerin Christa Ludwig (1928–2021).

DIE Ludwig war floskelfrei die letzte dieser Legenden, die in vergilbten Bildern an der Wand hängen, deren Vinyl-Platten man hütet, als sei es ein Holzstück aus dem Kreuz Jesu. Und dann, unsereins fuhr gerade am mächtigen Rheinfall entlang, leuchtet auf dem Handy die Nachricht eines Schriftstellers auf: «Christa Ludwig ist tot». Die Ludwig tot, jene Sängerin, die an der Seite von Maria Callas, der Ewigen, Bellinis «Norma» sang?

Alle Deutschen werden bei diesem Satz aufheulen, sang die Ludwig doch auch Lieder von Schubert und Schumann unvergleichlich, ganze Wagner-Opern. Aber diese EMI-LP von 1960 ist ein marmordunkles Monument in der Aufnahmegeschichte des 20. Jahrhunderts.

Erst danach dachte ich an die Abschiede der Ludwig: An die letzten Liederabende, an jenen in Zürich, als ein Idiot den Abend, ja die Ludwig zerstörte, in dem er in den letzten Ton hinein ein «Bravoooo» brüllte. An einen in Salzburg, als die Ludwig in die Schulter James Levines reinweinte und keine Zugabe und keine Autogramme gab (der junge Fan aber der Limousine bis zur Kreuzung an der Pferdeschwemme nachrannte, auf Rotlicht hoffte, es erhielt und danach das Autogramm).

Christa Ludwig

Der Vater Tenor, die Mutter Altistin

Christa Ludwig wurde im März 1928 geboren: Ihr Vater war Tenor und Opernintendant, ihre Mutter Altistin. Mit 17 debütierte sie in Giessen. 1955 kam sie nach Wien. An der Staatsoper sang sie 769 Aufführungen und 42 Partien. Ludwig war auch eine hervorragende Liedinterpretin. Mit der «Winterreise» verabschiedete sie sich 1993/1994 von der Bühne. Zu den besten Opern-Aufnahmen aller Zeiten gehören «Fidelio» (Warner, ex-EMI), «Norma» (Warner), «Rosenkavalier» (Warner) und «Blaubarts Burg» (Decca) mit ihr. Ihre Aufnahme von Mahlers «Lied von der Erde» ist unvergleichlich, die Wesendonck-Lieder und ihre Wolff-Interpretationen unerreicht. (bez.)

Und dann war da jener Moment, als Christa Ludwig 2017 im zürcherischen Hombrechtikon einen Meisterkurs gab und in Hurden danach mich zum Interview empfing. Es ist jener Augenblick, wo man nicht weiss, ob man als Journalist träumt oder lebt, und zitternd die erste Frage stellt:

«Frau Ludwig, können Sie nach all den Jahren Ihre Bewunderer noch ertragen?»

Sie war sehr lieb, sagte, dass sie sich gar freue, wenn die Menschen sie im Supermarkt ansprechen und ihr sagen: «Sie haben mir so viele schöne Stunden beschert.» Darauf fuhr sie fort und sagte leise: «Jetzt fange ich gleich an zu weinen, Verzeihung. Aber so etwas rührt mich, das ist das Einzige, was zählt. Meine Mutter ermahnte mich früh und sagte: ‹Es ist nur Theater.› Das habe ich mir zu Herzen genommen. Ich hatte einen Chauffeur, der wartete jeweils hinter der Bühne auf mich und sagte dann: ‹Gut ist es gegangen, nix ist geschehen.›»

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Sie freute sich über die Bewunderer, aber nie war die Bewunderung ein Ziel: «Das wäre ja furchtbar, genauso wie die sogenannte Karriere: Man geht auf die Bühne, um seinen Beruf zu machen. Ich habe gelernt zu singen, Sie, Journalist zu sein – fertig. Was dazukommt, sind die Sternstunden. Wenn ich die 2. Sinfonie von Mahler sang und dabei mitten im Orchester sass, kam dieser Schwall der Musik wie ein warmer Regen über mich. Das kann keiner je vergessen. Gibt man dann seine Stimme dazu, diesen Klang, der aus einem selbst kommt, ist das unvergleichlich: Da kann man dann manchmal, selten, tatsächlich zum Augenblick sagen: «Verweile doch, du bist so schön.» Dafür lebt man. Das ist eine Art Egoismus.»

Sie selbst bewunderte niemanden, ausser …Maria Callas: «Die Callas ist wohl die Einzige, die ich bewundere: In ihrer Stimme lag die Tragödie ihres Lebens.»

Sie stand damals allabendlich mit den Legenden der Opernwelt auf der Bühne – wars auch mal ein Gegeneinander? «Na, klar!», entgegnete sie. «Oper ist immer ein Gegeneinander, jeder Koloratursopran ist gegen den Bassisten! Das ist ja das Schlimme bei Sängerehen: Bei mir und Walter Berry ging es, aber wir mussten immer etwa dieselben Gagen und dieselben Kritiken haben.» Aber vor dem Vorhang würde immer abgerechnet werden, da höre man ganz genau hin, wer mehr Applaus habe. «Und es kommt ganz darauf an, wie man den Applaus entgegennimmt: auf die Knie gehen, die langen Haare auf die Bühne fallen lassen, stundenlang, Arme hoch, das Volk schreit – dann steht man ganz langsam auf. Das ist grosse Kunst.» Das habe sie auch geübt beziehungsweise gelernt, lachte und sagte:

«Es geht auch ohne Tenorküsse für die ganze Welt. Das ist so ein Theater!»

Bei allen Triumphen erlebte sie Niederlagen. In Salzburg 1975 war sie in der Scheidung, in der Menopause und hatte geplatzte Kapillaren auf den Stimmbändern. «Alles kam zusammen. Ich sang die hohen Töne schlecht, verliess die Stadt – und fiel in eine Depression. Ich starrte tagelang in die Luft. Danach hatte ich Angst, einen lauten Ton zu singen. Aber im Nachhinein war es ein Glück: Sonst hätte ich diese grossen schweren Sopranpartien immer weiter gesungen – und die Stimme wäre ruiniert gewesen. Im Loch ist es furchtbar, aber damals begann ich, über das Leben und über die Karriere nachzudenken. Das war entscheidend für meine Entwicklung als Mensch.»

Nie habe sie gedacht, eine Spitzensängerin zu werden, sie wurde es. «Es gibt nicht den Besten oder die Beste: Wenn man heute sagt, dass die Netrebko, die viel Reklame hat, die beste Opernsängerin der Welt sei, stimmt das nicht.»

Irgendwann entschied sie, aufzuhören. Aber wie entscheidet eine Jahrhundertsängerin, ihre Bühnenkarriere zu beenden? «Ich konnte nicht mehr mit mir selbst in Konkurrenz treten. Ich merkte, dass einige Töne nicht mehr so gelangen wie früher. «Warum hört sie auf?», schrieb damals ein Wiener Kritiker. Das war toll! Es gibt andere, die nicht aufhören können. Placido Domingo singt bald den Sarastro. Was soll das? Ich finde es traurig, wenn man vom Beruf nicht weg kann – es ist lächerlich.»

Vorher schon hatte sie mal einmal gesagt, dass bei ihrem Begräbnis «Ich bin der Welt abhandengekommen» aus den Rückert-Liedern von Gustav Mahler gespielt werden soll. Ich fragte, ob das stimme. «Ja», sagte sie:
«. . . aber bitte von mir gesungen!». Ob das ihren Sinn für Tragik oder Humor zeige, fragte ich. «Nein, das ist mir ernst: Ich möchte ja auch, dass das Rilke-Gedicht «Ich lebe mein Leben» rezitiert wird: "Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,/ die sich über die Dinge ziehn./ Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,/ aber versuchen will ich ihn." Das passt so gut auf unsere Genies, die nicht genau wussten, wo sie hingehörten.»

Die Ludwig wusste, wo sie hingehörte. Auf die Erde. Und doch sang sie, als sei sie vom Himmel.