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Luzerner Theater: Orangenküsse gegen die Melancholie

Nicht nur für Operettenfans: Das Luzerner Theater bietet mit der Operette «Märchen im Grand Hotel» raffinierte Unterhaltung.
Urs Mattenberger
Die Putzfrau als Prinzessin im Kellerstudio: Heidi Maria Glössner und Robert Maszl. (Bild: Ingo Höhn)

Die Putzfrau als Prinzessin im Kellerstudio: Heidi Maria Glössner und Robert Maszl. (Bild: Ingo Höhn)

«Ich liebe dich!» Kellner Albert muss an diesem Satz einen Abend lang herumgewürgt haben. Wenn er ihn gegenüber der Putzfrau Isabella endlich ausspricht, holt Samuel Streiff wie zum Befreiungsschlag aus. Aber die Gerümpelkammer im Keller des Grand Hotel bietet dafür in der aktuellen Operette am Luzerner Theater keine romantische Kulisse. Isabella schaut Albert nur entgeistert an, als hätte sie in den 20 Jahren nichts von dieser Liebe gemerkt, und gibt ihm eine Abfuhr.

Der Rückblick auf eine 20 Jahre lang nicht gelebte Liebe. Die vergebliche Hoffnung, sie jetzt doch noch in die Realität umzusetzen; und schliesslich die Zurückweisung durch die Frau, die nicht Vergangenheit festhalten will, sondern nach vorne schaut: All das wirkte am Samstag in der Premiere von Paul Abrahams «Märchen im Grand Hotel» wie ein Pendant zu Dürrenmatts «Besuch der Alten Dame», die im Schauspiel am Luzerner Theater läuft.

Heidi Maria Glössner kehrt als Alte Dame zurück

Denn in der Rolle der Isabella kehrt in dieser jazzigen Berliner Operette von 1933 Heidi Maria Glössner nach Luzern zurück, wo sie von 1976 bis 1987 Ensemblemitglied war. Und die Inszenierung von Bram Jansen staffiert die Schauspielerin, die mit 76 Jahren auf der Bühne über eine unglaubliche Ausstrahlung verfügt, mit der Aura einer mächtigen Alten Dame aus wie bei Dürrenmatt. Wie Glössner in ihrer Doppelrolle als Putzfrau und Prinzessin Hochmut und Melancholie warmherzig schillernd mischt, ist ein Ereignis dieser Produktion und führt in ihren wehmütig gesungenen Liedern zu berührenden Momenten.

Dass die beiden prominenten Gäste Streiff («Der Bestatter») und Glössner dennoch nicht aus dem Ensemble herausfallen, liegt am brillanten Konzept, mit dem Regisseur Bram Jansen diese Operette auf die Luzerner Hotelthematik hin neu konzipiert hat. Doppelrollen spielen hier alle Hotelangestellten unter der Fuchtel des aalglatten Hoteldirektors Chamoix (Jason Cox), der das Grand Hotel an einen Scheich verkaufen will. Den ehemaligen Glanz vorgaukeln soll ein Werbefilm, der nach Abrahams Märchen-Hotel-Story vom Besuch einer spanischen Hofdame erzählt. Darin steigt die Putzfrau zur Prinzessin auf. Der Koch (urkomisch: Robert Maszl) und Vuyani Mlinde (in verschiedenen Rollen von der hohen Kopfstimme bis zum schwarzen Bass) komplettieren die Entourage der Prinzessin. Selbst die Sounddesignerin Marylou, die im Keller an Laptops und mit Geräuschutensilien hantiert wie in einem Giftschrank, fällt aus der Rolle, wenn sie sich mit dem Koch die Kleider vom Leib reisst, bevor sie im Nebenkeller verschwinden: Eine Paraderolle für die Sängerin Tora Augestad, die auch den sprachnahen Gesangston des vorzüglichen Darstellerensembles hysterisch ausreizt, ohne in einen unpassenden Operngestus zu verfallen.

Viel Situationskomik und Publikumslacher

Für beide Handlungsstränge hat Robin Vogel eine imposante doppelstöckige Bühne geschaffen: Der Hotelbetrieb findet oben im Salon statt, die Aufnahmen für die Tonspur des Werbefilms werden unter widrigen Umständen im Keller gemacht. Dass sich die Handlungsstränge und Doppelrollen in die Quere kommen, sorgt für viel Situationskomik. Den grössten unter vielen Publikumslachern erhielten die falschen Küsse, die Marylou für die Tonspur mit einer schmatzenden Orange simuliert.

Damit ist diese Produktion nicht nur Operettenfans zu empfehlen, zumal Jansen auch Frauenklischees («süsse Beine», «Puppenköpfchen») ironisch aufs Korn nimmt. Musikalisch serviert das trotz vieler gesprochener Szenen sehr präsente Luzerner Sinfonieorchester unter William Kelley den Mix aus Streichersüsse, Bläsersätzen und Tanzrhythmen mit Biss und federnder Leichtigkeit.

Ob es zum Happy End kommt, lässt auch der fertiggestellte Film offen, der am Schluss vorgeführt wird und mit Aufnahmen aus dem Hotel Schweizerhof eine zusätzliche Realitätsebene schafft. Gut so. «Ich liebe dich» hatte ja Albert vielleicht nur in seiner Filmrolle gesagt.

Hinweis: Nächste Vorstellungen: 30. Oktober, 3., 7., 15., 17., 21., 23., 29. November (bis 13. März).

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