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Lucerne Festival: Ein Orchester auf der Suche nach sich selbst

Wenn ein langjähriger Chefdirigent sein Orchester verlässt, kann dies lange nachhallen. In Luzern zeigt das Royal Concertgebouw nur unter Altmeister Bernard Haitink, zu was es fähig wäre.
Roman Kühne
Das Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam unter der Leitung von Bernard Haitink (89). (Bild: Patrick Hürlimann/Lucerne Festival (Luzern, 6. September 2018))

Das Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam unter der Leitung von Bernard Haitink (89). (Bild: Patrick Hürlimann/Lucerne Festival (Luzern, 6. September 2018))

Früher füllte das Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam (RCO) das KKL mit links. Früher, dies waren die Zeiten unter seinem Chefdirigenten Mariss Jansons, der die Geschicke des Ensembles von 2004 bis 2015 leitete. Notabene als Nachfolger von Riccardo Chailly und Bernard Haitink, die zusammen ebenfalls 40 Jahre dem Orchester vorstanden. Führende Klassikzeitschriften wie «Gramophone» (England) oder «Le Monde de la musique» (Frankreich) hievten das Orchester auf die vordersten Plätze ihrer Ranglisten.

Solche Bewertungen mögen absurd sein, im Konzertsaal war das RCO aber ein Garant für Glanzleistungen. Mariss Jansons  – zwar manchmal etwas plakativ – verstand es immer, die Musiker klanglich und technisch zur Brillanz zu bringen. Seine Konzerte standen für ein Erlebnis. Das Orchester war berühmt für seine Farben, die perfekt Mischung mit dem Bläsersatz. Vor allem das Holz, die Klarinetten, Flöten und Oboen waren entscheidend für die vielen akustischen Nuancen.

Konzerte fallen sehr gemischt aus

Doch schon im letzten Jahr überzeugte das Concertgebouw, damals noch unter seinem neuen Chefdirigenten Daniele Gatti, nur an einem Abend. Inzwischen hat sich das Orchester, wegen Vorwürfen über unangemessenes sexuelles Verhalten fristlos von Gatti getrennt und ist mit «Aushilfsdirigenten» auf Tournee. In Luzern waren dies Manfred Honeck und Bernard Haitink. Die beiden Konzerte fielen sehr gemischt, ja gar gegensätzlich aus.

So ist einerseits am Mittwochabend unter Manfred Honeck der Konzertsaal im KKL bei weitem nicht voll besetzt. Dies mag auch am Programm liegen, wo mit Alban Berg und der dritten Sinfonie von Bruckner eher sperrige Kost dominiert. Überzeugend ist das Orchester nur bei der Eröffnung mit dem Vorspiel zum dritten Aufzug aus «Die Meistersinger von Nürnberg» (Richard Wagner). Wie selten während des restlichen Abends entwickelt sich hier eine wunderbare Cello-Linie, sind die grossen Einwürfe des Gesamtensembles austariert und voll, geht es ruhig und gelassen in den sterbenden Schluss.

In Alban Bergs «Fünf Orchester-Lieder nach Ansichtskartentexten von Peter Altenberg» artikuliert die Sopranistin Anett Fritsch sehr deutlich. Ihr schlanker Sopran, ihre vokale Charakterisierung der Miniaturen widerspiegelt direkt die Dichte der Texte. Das Orchester – neben einem schönen Hornsolo – spielt die dünne, fast schon psychologische Begleitung eher zu zurückhaltend, nimmt die Stimmungen der Sängerin zu wenig auf.

Gegensätze als dominierendes Element

Eine Enttäuschung ist Anton Bruckners 3. Sinfonie nach der Pause. Müsste man die Aufführung in einem Wort zusammenfassen, «laut» wäre wohl der passende Ausdruck. Natürlich greift diese Charakterisierung zu kurz. Es gab gelungene Augenblicke, die tänzerische Bewegung im vierten Satz oder der tastende Anfang des dritten. Auch ist das Werk ein kantiger Brocken. Die Gegensätze sind ein dominierendes Element. Doch Manfred Honeck betont die Ränder noch zusätzlich, lässt die Blöcke unverbunden im Raum stehen. Im Getöse und Überschwang der Blechbläser, teils auch der Violinen, gehen das Holz und die tiefen Streicher schlichtweg unter. Vieles wirkt hart und übermässig plump.

Fast ein Gegensatz ist da das Konzert vom Donnerstag mit der 9. Sinfonie von Gustav Mahler. In Luzern verbinden viele Festivalbesucher mit diesem Werk einen besonderen Moment, das magische Konzert von Claudio Abbado und seinem Festival Orchestra vor acht Jahren hier im KKL. Minutenlang blieb es ruhig nach den letzten Tönen, wie erschlagen lauschten die 1700 Zuschauer in die Stille hinein.

Gefeierter Haitink

Dies ist natürlich aussergewöhnlich und ist beim Concertgebouw auch nicht passiert. Und doch entsteht durch das Dirigat des «Luzerners» Bernard Haitink etwas von dieser Ewigkeit. Wie verwandelt agieren und interagieren die Musiker untereinander. Zwar wackelt auch hier manchmal das Klanggefüge, sind die Hörner zu laut oder fehlt es an der Intonation. Doch es gibt die klangliche Agilität im zweiten Satz, wo plötzlich das Räderwerk der Register wie selbstverständlich ineinander greift. Oder der geniesserische Mittelteil im ersten Satz, gespielt als eine Feier für das Irdische und die Schönheit des Lebens.

Wenn Haitink am Schluss das Seitenthema in seiner wogenden Pracht ausbreitet, das letzte zuversichtliche Aufbäumen in einem visionären Bogen zeichnet, um dann das Orchester sanft in die Ewigkeit zu leiten – dann ist man als Zuhörer beinahe wieder versöhnt mit den beiden Abenden. Das Publikum feiert «seinen» Altmeister auf alle Fälle frenetisch.

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