Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Luzerner Theater vertanzt erstmals eine Oper: «Es geht immer um Fake und Fiction»

Das Luzerner Theater zeigt Glucks Oper «Orfeo ed Euridice» als Tanzpremiere. Der katalanische Choreograf Marcos Morau sagt, wie er den antiken Stoff mit einer Begräbnisparty und einer Liebesgeschichte im Supermarkt mit unserer Gegenwart verlinkt.
Urs Mattenberger
Bekannt für seine spartenübergreifenden Tanzprojekte: Marcos Morau (37) im Luzerner Theater. (Bild: Dominik Wunderli, 20. Februar 2019

Bekannt für seine spartenübergreifenden Tanzprojekte: Marcos Morau (37) im Luzerner Theater. (Bild: Dominik Wunderli, 20. Februar 2019

Sie wurden Choreograf, ohne zuvor Tänzer gewesen zu sein. Wie ist das möglich?

Marcos Morau: Ich habe mich früh für verschiedene Künste interessiert, für Theater, Film oder Malerei. Der Tanz, die Bewegungen des menschlichen Körpers faszinierten mich, weil eine meiner Cousinen erfolgreich Gymnastik-Wettkämpfe betrieb. Ich wollte all das verbinden und daraus eine eigene Sprache entwickeln. Nach meiner Ausbildung zum Choreografen gründete ich die Compagnie «La Veronal» mit Tänzern, die ihrerseits von verschiedenen Richtungen kamen.

Wie würden Sie Ihre Tanzsprache beschreiben?

Das ist ein zu grosses Thema, um darauf einfache Antworten geben zu können. In dieser Sprache stecken jahrelange Erfahrungen, und sie wandelt sich mit jedem Projekt, den beteiligten Tänzern und ihren Gesichtern. Der Motor dieser Entwicklung liegt darin, welche Bewegungen ich oder meine Tänzer mögen, als Ausdruck unserer Träume und Ängste. Dabei geht es auch um Fragen, wie Bewegungen den Körper nicht als etwas Menschliches erscheinen lassen und doch so tun, als wäre er menschlich. Bei jeder Show geht es ja auch um Fake und Fiction.

Am Luzerner Theater choreografieren sie Glucks Oper «Orfeo ed Euridice» mit drei Sängerinnen, Chor, dreizehn Tänzern und dem Luzerner Sinfonieorchester. Welche Rolle spielt da der Tanz?

Dass ich all das mit Livemusik und auf einer verhältnismässig kleinen Bühne zusammenbringen kann, ist auch für mich neu. Die Rollenverteilung ergibt sich daraus, dass Gesang und Tanz unterschiedliche Dinge ausdrücken. Die Sängerinnen erzählen auch über den Text die Geschichte und Bedeutungen, die in ihr liegen. Der Tanz ist abstrakter und flüchtiger, er kann und soll nicht illustrieren, was in der Geschichte geschieht, und steuert dazu quasi Landschaften und eine Art Hintergrund bei.

Gluck baute 1774 für das Pariser Publikum Ballettnummern ein. Dehnen Sie das auf die ganze Oper aus?

Nein, die Funktion ist eine andere. Im 21. Jahrhundert müssen wir bei einem solchen Werk die Aufmerksamkeit des Publikums für eine Geschichte gewinnen, die uns mit dem Gang von Orfeo in die Hölle, wo er seine Euridice zurückgewinnen will, fremd ist. Deshalb müssen wir verschiedene Zugänge und Inputs schaffen. Das hat aber auch mit veränderten Wahrnehmungsgewohnheiten zu tun. Heute kann man froh sein, wenn man es schafft, die Zuschauer mehr als zehn Minuten zu packen, ohne dass sie innerlich wegzappen.

Bringen Sie mit Sängerinnen und Tänzern das Zapping nicht mit auf die Bühne?

Nein, wir senden zwar auf verschiedenen Kanälen, aber was die Zuschauer sehen und hören, ist eng miteinander verknüpft. Es geht darum, die Verbindung zum Publikum immer wieder neu herzustellen. Der Tanz hat die Kraft, unmittelbar zu packen, aber er kann auch Distanz schaffen, wenn man die Bewegungen zunächst nicht versteht. Und beides gilt auch für den Gesang und die Musik mit ihrer eigenen, barocken Schönheit. Heute, wo auf Facebook oder Instagram alles schnell geht und (Morau schnippt mit den Fingern) verfügbar ist, soll das eine Dichte schaffen, die die Spannung für anderthalb Stunden hält und bei der alle ­Türen und Fenster nach aussen geschlossen bleiben.

Wie verknüpfen Sie die Tänzer und Sängerinnen?

Es gibt eine Schlüsselszene im zweiten Akt, wo Orfeo und Euridice sich im Hades – bei uns ein Supermarkt – begegnen und es zum Konflikt zwischen beiden kommt. Da stehen sich die beiden Sängerinnen auf beiden Seiten der Bühne gegenüber. Die Tänzer dazwischen bringen ihre Gefühle, Ängste und Hoffnungen wie in einer anderen Dimension zum Ausdruck. Ihre Bewegungen sind eine Brücke, die die beiden Personen miteinander verbindet.

Im ersten Akt, wo Euridice stirbt, tragen die Akteure osteuropäische Kostüme. Die Unterwelt ist in Ihrer Choreografie ein Supermarkt. Wie bringen Sie damit den antiken Stoff den Zuschauern näher?

Der Link zu unserer Lebens- und Gefühlswelt liegt für mich darin, dass das Stück im Grunde von der Liebe handelt, vom Verlust einer geliebten Person und vom Versuch, sie wiederzugewinnen. Das ist aktuell, weil es gerade heute nötig und schwierig ist, von der Liebe zu sprechen. Dass eine ­Liebe verloren gehen kann, ist für uns zum Beispiel eine Selbstverständlichkeit und keine Tragödie. In der Begräbnisszene zu Beginn wird die Trauer deshalb von den Farben der Kostüme überlagert und wandelt sich, wie man das von osteuropäischen Beerdigungen kennt, in eine Art Party.

Und der Supermarkt-Hades?

Der Supermarkt ist Hölle und Paradies in einem. Es ist ein Ort, wo man alles vergessen kann, wo man nicht mehr kämpfen muss, etwa um Schönheit, Erfolg oder gegen die Langeweile, sondern eigentlich mit nichts zufrieden sein kann. Euridice, die hier als Reinigungskraft arbeitet, fühlt sich, wenn sie morgens um fünf zu arbeiten beginnt, als Königin und hat keine Lust, mit Orfeo ­diesen Ort zu verlassen und sich wieder mit all den Problemen draussen herumzuschlagen. Deshalb endet unsere Interpretation des Stücks nicht mit dem Happy End, das Gluck komponiert hat.

Im Mythos entschwindet Euridice wieder ins Totenreich, weil Orfeo sich nach ihr umwendet. Wofür steht der verbotene Blick zurück?

Natürlich geht es da um Vertrauen, aber das ist für mich kein zentraler Moment, weil Orfeo einfach gegen die Spielregeln verstösst.

Nach feministischen Deutungen des Stoffs zeigt dieser, wie der Mann das Leiden der Frau braucht, um zum Künstler, im Fall Orfeos zum Sänger, zu werden. Hat Sie dieser Aspekt nicht interessiert?

Doch, ich bin als Mann durchaus ‹feministisch› (lacht). Aber man kann in eine Inszenierung nicht alles hineinpacken.

Hinweis

Premiere: Samstag, 23. Februar, 19.30, Luzerner Theater. Infos: www.luzernertheater.ch

Wir verlosen 3 × 2 Tickets für die Aufführung vom Mittwoch, 27. Februar, 19.30 Uhr. Wählen Sie heute Telefon 0901 83 30 23 (Fr. 1.50 pro Anruf) oder nehmen Sie teil ­ unter www.luzernerzeitung.ch/wettbewerbe.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.