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OSTERFESTIVAL: Dirigent Thomas Hengelbrock: «Die Öffnung der Klassik für neues Publikum ist Chefsache»

Thomas Hengelbrock dirigiert ein geistliches Hauptwerk zu Ostern. Und sagt, wie er in die Elbphilharmonie in Hamburg denselben Pioniergeist einbringt wie in die alte Musik und jetzt im KKL in Bachs Johannes-Passion.
Von der alten Musik in die Elbphilharmonie: Thomas Hengelbrock. (Bild: Michael Zapf/PD)

Von der alten Musik in die Elbphilharmonie: Thomas Hengelbrock. (Bild: Michael Zapf/PD)

Thomas Hengelbrock, nach der Eröffnung der Elbphilharmonie gab es neben Lob auch kritische Stimmen zur kristallklaren, aber etwas trockenen Saalakustik. Keine Gefahr für den KKL-Konzertsaal, schrieb unsere Zeitung. Wie schätzen Sie den prestigeträchtigen Konzertsaal inzwischen ein?

Ich war schon in den ersten Proben ein grosser Fan dieses Saals und bin es jetzt erst recht! Die kritischen Einwände hingen auch mit den Bedingungen des Eröffnungskonzertes ab, viele Kritiker hatten zum Beispiel keine optimalen Plätze. Inzwischen haben sich kritische Einschätzungen begradigt und ins Positive gewendet. Und wir haben besser gelernt, mit dem Saal umzugehen. Die Klarheit der Akustik ist ja zunächst eine grosse Qualität. Selbst bei grossen Besetzungen hört man hier jedes Detail. In kleineren Besetzungen muss man den Klang bündeln, Haydns «Schöpfung» mit vierzig Sängern war fantastisch.

Der vormalige Bundespräsident Joachim Gauck sagte, die hohen Kosten für das Haus seien eine Verpflichtung, in diesem klassische Musik für ein breites Publikum zu öffnen. Ist das in einem solchen Prestigebau möglich?

Auf jeden Fall. Das zeigt schon die regelmässig ausgebuchte Plaza, wo sich jeden Tag mehrere tausend Besucher einfinden. Die Öffnung für ein neues Publikum ist uns ganz wichtig. Das ist meiner Meinung nach Chefsache. Ich engagiere mich zum Beispiel persönlich in den gut besuchten Einführungen. Vor einer Aufführung der Johannes-Passion, die ich jetzt in Luzern dirigiere, kamen über 1000 Leute. Da halte ich keine Vorträge, sondern lade die Besucher zu einem Gespräch ein, wo sie Fragen stellen können.

Welche Fragen kommen da?

Das können persönliche Fragen sein, zum Beispiel, ob ich selber gläubig sei. Das ist nur eine Form, wie man ein Band herstellen kann zwischen dem Publikum und dem Orchester. Ganz wichtig sind die einstündigen «Hamburger Konzerte», die auch für Einsteiger und Familien mit Kindern gedacht sind. Da kann man Konzerte des NDR-Elbphilharmonie-­Orchesters zu Eintrittspreisen zwischen 6 und 18 Euro besuchen. Ein wichtiger Programmpunkt sind die Angebote für ­Kinder und Jugendliche – von Konzerten des Jugendsinfonieorchesters bis zu vielfältigen Workshops.

Die historische Aufführungspraxis, von der Sie kommen, trat einst mit politischem Anspruch an. Ton Koopman erzählte, wie das alternative Publikum damals in Konzerten gekifft habe. Was bleibt von diesem Anspruch übrig, wo die alte Musik nach dem Gang durch die Institutionen zum Establishment gehört?

(lacht) Als Vertreter des Establishments fühle ich mich auch heute nicht! Ich gehöre tatsächlich zu einer Generation von Musikern, der die politischen Implikationen ihrer Tätigkeit wichtig waren. Das galt nicht nur für die alte Musik – Anfang der 80er-Jahre wurden eine Reihe von Ensembles gegründet, die eine Demokratisierung des Musikbetriebs anstrebten – vom Ensemble Modern bis zum Freiburger Barockorchester. Ich denke, wir haben vieles von diesem Anspruch in die Elbphilharmonie einbringen können. Neben den erwähnten Angeboten gilt das für die Vielfalt des Repertoires. Dass dieses im Eröffnungskonzert von alter Musik bis zu einer Uraufführung von Wolfgang Rihm reichte, wäre vor dreissig Jahren nicht denkbar gewesen.

Sie dirigieren weltweit grosse Sinfonieorchester. Wie viel können Sie da vom einstigen Pioniergeist der Alte-Musik-Szene einbringen?

Da musste ich mich tatsächlich etwas anpassen. Grosse Orchester müssen aus Gründen der Ökonomie eine Art Standardsprache besitzen. Die Striche etwa müssen im Voraus eingerichtet sein, damit man in wenigen Proben durchkommt. Deshalb bleibt für mich die Arbeit mit meinem Balthasar-Neumann-Chor und -Ensemble zentral: Das ist eine Art Spielwiese, wo ich auch musikwissenschaftliche Forschungen einfliessen lassen kann.

Ein Beispiel ist Bachs Johannes-Passion, die Sie am Osterfestival in einer wenig bekannten Fassung aufführen.

Wir spielen eine Version, wie sie Bach am Karfreitag 1725 in der Leipziger Thomaskirche aufgeführt hat. Dafür hat er das Werk im Vergleich zu der bekannten Erstfassung sehr stark bearbeitet. Es gibt einen anderen Anfangs- und Schlusschor und fantastische neue Arien, die zum Expressivsten gehören, was Bach jemals geschrieben hat, wie die Arie «Himmel, reisse, Welt erbebe», wo man im Donnergrollen in den Bässen die Erde beben hört.

Laut John Eliot Gardiner hat Bach der Passion den Zweifel mit einkomponiert. Was war in jener Einführung Ihre Antwort auf die Frage, ob Sie glauben?

(lacht) Ich bin fest verwurzelt in unserem christlichen Kulturkreis, aber mein Verhältnis zum Glauben war und ist eine intensive On-off-Beziehung. Mein Vater war Jesuit, ich persönlich bin aber aus der Kirche ausgetreten, weil ich an den politischen Konsequenzen der Religionen verzweifelte. Aber ich glaube an eine höhere Macht. Und Christus ist für mich schon ein Vorbild. In der Konsequenz, mit der er seinen Weg bis zum Ende gegangen ist, ist das ein Fixstern des christlichen Humanismus.

Urs Mattenberger

urs.mattenberger@luzernerzeitung.ch

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