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OSTERFESTIVAL: Eine Jam-Session mit Mozart

Sinnbild für eine neue Klassik-Ära: Die Geigerin Patricia Kopatchinskaja und der Dirigent Teodor Currentzis fanden mit Mozart und Beethoven zurück zur «wilden Fantasie».
Patricia Kopatchinskaja am Mittwoch im KKL. (Bild: Priska Ketterer/LF)

Patricia Kopatchinskaja am Mittwoch im KKL. (Bild: Priska Ketterer/LF)

Mittwochabend, Halbzeit beim Osterfestival Luzern. Nach einer Reihe von Raritäten steht erstmals Standardrepertoire auf dem Programm: Mozarts Violinkonzert in D-Dur KV 218, danach Beethovens dritte Sinfonie. An dieser bemäkelten zwar Zeitgenossen, Beethovens «kühne und wilde Fantasie» verliere sich ins «Regellose». Aber 200 Jahre später ist selbst ein solches Revolutionsstück längst Klassikeralltag geworden.

Konnte man zumindest bis zu diesem Abend im Konzertsaal des KKL denken. Aber dieser stellte solche Stereotypen dermassen auf den Kopf, dass ein begeisterter Besucher ausrief: «Das steht für eine neue Ära im Klassikbetrieb!»

Was war geschehen? Auf der Bühne waren ein Trupp von Musikern und eine Solistin versammelt, die ihre Rolle weit über die des Interpreten hinaus wahrnahmen: Hier die Geigerin Patricia Kopatchinskaja, die schon im äusseren Auftritt – barfuss – ein Statement für Natürlichkeit und Spontaneität abgab. Dort der Dirigent Teodor Currentzis und sein Orchester «musicAeterna», die unter anderem mit ihren hypertheatralen Aufnahmen von Mozarts Da-Ponte-Opern Furore machten.

Unglaublicher Farbenreichtum

Dass das in Beethovens «Eroica» den revolutionären Geist zu neuem Leben erwecken würde, war da zwar zu erwarten, erst recht nach dem stürmischen Auftakt mit Mozarts kleiner g-Moll-Sinfonie. Schon sie rüttelte auf, indem sie die Ausdruckswerte nach allen Seiten polarisierte. Aber Currentzis’ «rasche Eingreiftruppe aus Sibirien», wie sie ein Kritiker nannte, reizte damit bloss Tugenden der historischen Aufführungspraxis bis in die Tempo-Extreme aus.

Eine neue Wendung gab dieser Mozarts Violinkonzert im Zusammenspiel mit der aus Moldawien stammenden, in der Schweiz lebenden Geigerin. Denn Currentzis wie Kopatchin­skaja machten hier Ernst mit der Tatsache, dass historische Quellen nicht musealer Rekonstruktion, sondern dem kreativen Umgang mit den Noten dienen.

Das beschränkte sich zunächst noch auf die Interpretation, wenn die Geigerin mit schlankem Ton, geschmeidigem Strich und wie mit der Pinzette gezupften Akzenten Mozarts Musik nach allen Seiten resolut und zärtlich vitalisierte. Da wurde alles im Höchstmass vermenschlicht, selbst ein simples aufsteigendes Intervall wird zur Geste, als werfe sie übermütig Töne in die Luft.

Erstaunlich war schon hier, wie weit sich das Orchester solcher Individualisierung stets bis in das feinste Detail anzupassen vermochte. Das galt mehr noch, wo Kopatchinskaja die Grenze vom freien Interpretieren zu einer Art Instant Composing überschritt: In der Kadenz zum ersten Satz deutete sie den unglaublichen Farbenreichtum ihrer Mozart-Geige weiter bis zu zeitgenössischen Klangerkundungen.

Chefdirigent des SWR-­Sinfonieorchesters

Im Schlusssatz weitete sie die Volksmusikanklänge bei Mozart aus zu einer Art folkloristischer Improvisation mit Musikern des Orchesters, an die sich dann auch die Zugaben von Bartók und Enescu – allein und mit Orchestermusikern – unmittelbar anschlossen.

Es gab Zuhörer, denen diese «wilde Fantasie» zu weit ging, aber «regellos» war sie keineswegs – noch in den entlegensten Regionen der Kadenzen blieb der Bezug zu Mozart greifbar. Und die Spontaneität dieses Musizierens «wie in einer Jam-Session» war es, die den genannten Konzertbesucher auf eine neue Klassik-Ära hoffen liess. Ein Zeichen dafür setzte gestern auch das SWR-Sinfonieorchester, das just vor dem Konzert in Luzern die Wahl von Currentzis zum Chefdirigenten ab nächstem Jahr bekanntgab.

Pointierter Rhythmus

Auch Beethovens «Eroica» blieb – riskant in den raschen Tempi – in hohem Masse davon geprägt. Da blitzten die Trompeten wie Dolche auf, bliesen die Klarinetten mit hochgestelltem Trichter zur Revolution, fielen zum unerbittlich pointierten Rhythmus des Trauermarsches die Intervalle präzis wie das Messer einer Guillotine: eine Grabesruhe, aus der sich später das Finale wie im Volkstumult zum grossen Sieg erhob.

So befreit und berauschend wie dieses Spiel war bei den Standing Ovations zum Schluss der Applaus im restlos ausverkauften Saal.

Urs Mattenberger

urs.mattenberger@luzernerzeitung.ch

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