OSTERFESTIVAL: Geliebt wird türkisch, gebetet hebräisch

Dirigent Jordi Savall hat gestern in der Hofkirche das Lucerne Festival eröffnet: Mit Sängern unterschiedlichster Herkunft trat er in einen «Dialog der Seelen».

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Stimmungsvoller Auftakt: Jordi Savall (vorne) hat gestern mit seinem Ensemble Hespèrion XXI in der Hofkirche das Lucerne Festival eröffnet. (Bild: Priska Ketterer/LF)

Stimmungsvoller Auftakt: Jordi Savall (vorne) hat gestern mit seinem Ensemble Hespèrion XXI in der Hofkirche das Lucerne Festival eröffnet. (Bild: Priska Ketterer/LF)

Simon Bordier

In klassischen Konzerten wie in christlichen Gottesdiensten machen sich Auflösungstendenzen bemerkbar: Rituale werden hinterfragt, neue Konzertformate kommen auf, in Wortgottesdiensten werden neue liturgische Wege begangen.

Wie der Balanceakt zwischen Tradition und Auflösung gelingen kann, zeigte gestern das Eröffnungskonzert des Lucerne Festival zu Ostern in der Hofkirche in Luzern. Zu erleben war dort der katalanische Dirigent und Musiker Jordi Savall (74) zusammen mit seinem auf Musik aus dem Mittelmeerraum spezialisierten Ensemble Hesperion XXI. Savall ist dieser Tage als Artist in Residence des Osterfestivals zu Gast und bestreitet in dieser Funktion gleich drei Konzerte (siehe Hinweis).

Mit ihm standen gestern je ein israelischer, ein türkischer und ein griechischer Sänger auf der Bühne – aber nicht etwa, um in Eurovision-Manier um die Gunst des Publikums im ausverkauften Kirchensaal zu buhlen. Die Sänger traten vielmehr mit traditionellen Gesängen aus ihrer Heimat an, um in einen «Dialog der Seelen» zwischen «Orient» und «Okzident» zu treten. «Je authentischer das jeweils Eigene erklingt, desto mehr vermag es den anderen zu berühren», stellte Savall im Programm klar.

Die Gambe: Eine Gesangsstimme?

Für orientalischen Wind sorgte zu Beginn der Musiker Moslem Rahal mit einem betörenden «Danse de vent» auf der Ney, einer orientalischen Flöte. Deren Glissandi-Klänge nahm dann flugs die israelische Sängerin Orit Atar auf, als sie aus dem «Hohenlied Salomos» sang. Auch der Übergang zu Jordi Savall, der im Ensemble Gambe und Lyra spielte, erfolgte nahtlos. Man verstand in dem Moment auch, was Savall meint, wenn er den Klang der Gambe mit jenem der menschlichen Stimme vergleicht («Zentralschweiz am Sonntag» vom 6. März): Die Art und Weise, wie Savall den Gesang aufgriff, imitierte und weiterformte, war schlicht bezaubernd.

Die traditionellen Lieder drehten sich praktisch alle um die Liebe beziehungsweise um die Sehnsucht nach ihr und den Schmerz, den sie hinterlässt. Es setzte sich bald die Erkenntnis durch, dass die Liebe wohl nirgends im Mittelmeerraum von langer Dauer ist. Man hörte vielmehr den türkischen Sänger Gürsoy Dinçer, wie er seinem Liebessehnen in gewundenen Melismen und mit vibrierender Stimme Ausdruck verschaffte, während die Griechin Katerina Papadopoulou zypriotische Jasminblüten zwar mit schöner Honigstimme beschrieb, aber damit die Sehnsucht im Publikum mehr weckte als stillte.

Bitte keine Fernsehschnulzen

Die sängerischen Leistungen waren beachtlich. Vor allem aber fühlte man sich privilegiert, weil die Musiker mit grosser stilistischer Vielfalt die Gesänge ihrer Heimat wie ein offenes Buch darboten – einzig die Griechin drohte bei zu viel Honigschmelz ins Fernsehschnulzenfach zu rutschen. Ein «Dialog der Seelen» war aber zwischen den Sängern leider nicht direkt erkennbar. Sie bestritten zwar einige Lieder und Tänze im Trio, doch standen sie dabei etwas starr an der Bühnenrampe. Das musikalische Feuer loderte hinter ihnen im Ensemble: Dimitri Psonis und Hakan Güngör zupften und trommelten sich die Klänge auf ihren Zitherinstrumenten zu, dass es eine Freude war, der Schlagzeuger Pedro Estevan wirkte mal mit heftigen Trommelschlägen, mal mit feinen Streichbewegungen wie der Regisseur der Liebesklänge, während Haig Sarikouyoumdjian auf seiner Duduk – einem Doppelrohrblattinstrument – wie im Liebestaumel melodische Fäden zog.

Die instrumentalen Zwischenspiele waren eine willkommene Ablenkung vom Liebessehnen: Man erlebte es jedes Mal wie ein kleines Wunder, wenn das Ensemble den Klang bis auf eine letzte Glut reduzierte, um daraus ein neues tänzerisches Feuer zu entfachen.

Hinweis

Weitere Konzerte mit Jordi Savall: Gambenrezital (Mittwoch 16. März, Franziskanerkirche), Geistliches Chorkonzert (Freitag, 18. März, KKL).

Nächstes Konzert: Auryn-Quartett und Ruth Ziesak (Sopran), heute, 20 Uhr, Hofkirche Luzern.

www.lucernefestival.ch