OSTERFESTIVAL: Hörabenteuer mit «Hühnerhautfaktor»

Ein Ersatzritual für kirchenferne Konzertbesucher? «Liturgia» faszi­nierte als Türöffner, ohne ­diesen Anspruch verbindlich einzulösen.

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Lichtmystik zu Orchester- und elektronischen Klängen: das Zentralschweizer Jugendsinfonieorchester in der Hofkirche. (Bild LF/Priska Ketterer)

Lichtmystik zu Orchester- und elektronischen Klängen: das Zentralschweizer Jugendsinfonieorchester in der Hofkirche. (Bild LF/Priska Ketterer)

Urs Mattenberger

Das Osterfestival fand dieses Jahr vermehrt in Kirchen statt und will da nicht nur Kirchengänger ansprechen. Das funktionierte am Montag im Pionierprojekt für diese Idee vorzüglich: Die Hofkirche war auf den Plätzen mit freier Sicht auf die Bühne voll und damit besser besucht als im traditionellen Eröffnungskonzert vom Samstag. Unter den Besuchern waren zudem viele ­junge Menschen und Altersgenossen der Musiker des Zentralschweizer Jugend­sinfonieorchesters, das unter der Leitung von Felix Schüeli diese «Liturgia» engagiert zur Uraufführung brachte.

Mystische Stimmungen

Neue Musik als Türöffner für ein Orchesterkonzert in der Kirche: Auch das funktionierte nach beiden Seiten bestens. Möglich machte es der Werkauftrag an den jungen Komponisten Dave Jegerlehner. Dazu gehörte die Vorgabe, mit zwei Sätzen aus Saint-Saëns’ Orgelsinfonie und der «Jupiter» aus Gustav Holsts Planetenporträts traditionell sichere Werte miteinzubeziehen. Anderseits wurde mit Jegerlehner ein Komponist gewählt, der von der elektronischen Musik her kommt und damit in Klubs und im Theater aktiv ist. Dass er von der Gelegenheit schwärmte, das mit einem Orchester zu verbinden und zu realisieren, versprach zusätzlich ein spannendes Experiment.

Ohne die atmosphärische Lichtgestaltung hätte man aber den Anfang glatt als konventionelles Orchesterkonzert in der Kirche hören können. Klar, die Wahl des zweiten Satzes von Saint-Saëns’ Orgelsinfonie schuf von Beginn weg mit dem Sehnsuchtston romantisch raunender Klänge mystische Stimmungen. Das Licht verstärkte sie, indem es den Raum mit Blautönen flutete und auch mal in strahlendes Weiss und dunkle Nacht tauchte: eine Dramatik, die Holsts «Jupiter» mit wild entfesselter Bewegungsmotorik, weiträumigem Streicher- und Bläserpathos und aggressivem Trommelfeuer musikalisch weiterführte.

Dramatische Stille und Leere

In diesem Kontrast konnte man durchaus einen Reflex auf die heilige Messe vermuten, deren Verlauf «Liturgia» laut Programmheft nachzeichnen sollte. Aber damit war in Jegerlehners Eigenkomposition endgültig Schluss. Nach den süffigen Orchesterklängen hörte man den Absturz in dramatische Stille und Leere eher als eine Konfrontation zwischen Glaube und Zweifel. Elektronisch knackende und knisternde Perkussionssplitter und stosshafte Atemgeräusche (aus den rundum postierten Lautsprechern) sowie Klangfragmente von im Raum verteilten Instrumentalisten lösten das zuvor kompakte Klangeschehen buchstäblich nach allen Seiten auf.

Aus diesem Nichts heraus beginnt die Komposition, flächige Orchestertexturen und elektroakustisch verformte Klangereignisse zu kombinieren. Reminiszenzen aus den zuvor gehörten klassischen Werken tauchen wie in Traumeswirren auf und verflüchtigen sich im Raum: einmal zertrümmert, einmal, auf dem emotionalen Höhepunkt des Werks, in einem sanft schwebenden Wohlklang, der mit aktuellen Mitteln die an Filmmusik erinnernde Ästhetik von Holst wieder aufgreift.

Da war er endgültig da, der «Hühnerhautfaktor», mit dem ein Konzertbesucher seine Begeisterung begründete. «Fan-tas-tisch!» das galt selbstverständlich auch für das grosse Finale aus Saint-Saëns’ Orgelsinfonie. Die von Wolfgang Sieber gespielte Hoforgel, deren Farben zuvor subtil einbezogen wurden, entlud sich hier mit einer gewaltigen Klangdusche über den Zuhörern und stellte selbst das in anderen Hofkirche-Konzerten schon spektakulärer eingesetzte Licht gänzlich in den Schatten.

Türöffner

Ihre Qualitäten hatte diese «Liturgia» nicht zuletzt darin, wie sie Wohlfühlklänge und Hörabenteuer kontrastreich verband. Als Suche nach neuen Ritualformen für eine zeitgemässe Spiritualität allerdings, auch das zeigten Besucherstatements, wurde sie kaum wahrgenommen. Für eine Transformation, für die die Messe traditionell steht, blieb die Verbindung von Alter und Neuer Musik und nicht zuletzt diese selbst – doch zu statisch und unverbindlich. So blieb diese «Liturgia» ein Türöffner auch für hoffentlich weitere Experimente in diese Richtung.

Hinweis

Die weiteren Konzerte des Osterfestivals finden im KKL Luzern statt, heute mit Teodor Currentzis’ Musica Aeterna (Rameau und Bach, 19.30).

Programm und VV: www.lucernefestival.ch